Politik : Vom Wikileaks-Verächter zum Whistleblower

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Washington - Edward Snowden, der die Affäre um Datenabschöpfung durch den US-Geheimdienst NSA ausgelöst hat und nun Asyl vor dem Zugriff der US-Justiz sucht, hat sich vor wenigen Jahren noch verächtlich über Menschen geäußert, die Geheiminformationen veröffentlichen. Nach Recherchen der „Washington Post“ empörte sich Snowden 2009 in Internetblogs über die Organisation Wikileaks und über die „New York Times“, weil die über das geheime Projekt zur Sabotage des iranischen Atomprogramms berichtet hatte. Mit eingeschobenen Kraftausdrücken, die US-Medien nicht wörtlich zitierten, sondern durch den Hinweis „Fluch“ ersetzen, machte er seinem Zorn Luft: „Die berichten über geheimes (Fluch). So etwas (Fluch) tut man doch nicht in die Zeitung. Wollen die einen Krieg auslösen? Jesus Christ, die sind ja wie Wikileaks.“

Die „Washington Post“ war eine der beiden Zeitungen neben dem britischen „Guardian“, der Snowden Informationen über den Umfang der Internet- und Telefonüberwachung zuspielte. Das Blatt berichtet über ihn und die Entwicklung der Affäre aber mit Distanz. Snowdens Einstellung zum Sinn von Geheimhaltung habe sich seit 2009, als er 25 Jahre alt war und für die CIA in der Schweiz arbeitete, langsam und graduell geändert. 2008 sei er ein Bewunderer des libertären Republikaners Ron Paul gewesen. Den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain nannte er einen „hervorragenden Führer“ und „Mann mit wahren Werten“. Über Obama schrieb er: „Wir brauchen dringend einen Idealisten.“ Blogger, die seine Ansichten nicht teilten, nannte er „geistig zurückgeblieben“. In einem Blog im März 2009 bekannte Snowden: „Wir lieben diese Technik (Fluch). Sie hilft uns, unsere Bürger besser auszuspionieren.“

Snowdens Suche nach Asyl führt zu Spannungen zwischen den USA und Ecuador. Washington droht dem Land mit Wirtschaftssanktionen, falls es Snowden aufnehme. Ecuador kündigte daraufhin das Zollabkommen mit den USA. US-Medien, die Snowdens Forderung nach mehr Transparenz und Kontrolle der Geheimdienste mit Sympathie begleiten, wie die „Washington Post“ und die „New York Times“, kritisieren, dass er sich bei der Flucht an autoritäre Staaten wie China, Russland und Ecuador wende. Christoph von Marschall

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