Politik : VOM WAHREN, GUTEN, SCHÖNEN

KULTUR: Susanne Annen von der Bundeskunsthalle hat viele Afghanen kennengelernt, die sich für die Kunst ihres Landes interessieren. Sie würde sofort wieder nach Kabul gehen.

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Susanne Annen
Susanne Annen

Susanne Annen ist eine sportlich-elegante Frau: dunkle Haare, schwarze Hose, beige Tunika, hohe schwarze Pumps. Die 46-jährige Deutsche hat sich auf die Kabuler Gepflogenheiten eingestellt. „Wir haben hier wunderschöne Sachen“, schwärmt die Kuratorin aus Bonn im Büro des Direktors im Kabuler Nationalmuseum. Das Haus war eine Ruine – parallel zur Zerstörung der Buddhas in Bamian wüteten die Taliban auch hier. Inzwischen ist es renoviert, im Garten blüht es in bunten Farben. Drinnen werden wieder Ausstellungen gezeigt. 20 Afghani zahlen Einheimische, für die Fotoerlaubnis das Doppelte. Ausländer sind mit 100 und 200 Afghani dabei (2,50 beziehungsweise fünf Dollar).

Leider ist gerade der Strom ausgefallen. Die Ausstellung im ersten Stock ist in zwei fensterlosen Räumen untergebracht. Nun – noch ist nicht Feierabend.

Das war im Herbst. Inzwischen ist Susanne Annen nach 16 Monaten in Afghanistan zurück in der Bundeskunsthalle am Rhein. Von dort war sie als Beraterin ans Kulturministerium „ausgeliehen“. Am liebsten würde die Architektin sofort zurückkehren. Ja, jetzt. Trotz all der Gewalt. „Wenn ich eine Arbeit in Afghanistan hätte, ich würde sofort hinfliegen.“ Die meisten deutschen Kollegen in Kabul saßen derweil wegen einer Ausgangssperre zu Hause fest. Wäre sie dort gewesen, auch sie. Aber das dauert nie lange, meint sie. Sie hat gerade mit den ehemaligen Kollegen telefoniert. Die erste Frage war: „Wann kommst du zurück?“ Sie hat sich immer willkommen gefühlt, „immer", sagt sie.

Susanne Annen war die rechte Hand des Kulturministers, der schon um eine Neuauflage der Unterstützung gebeten hat. Die Anschläge, die Deutschland aufschrecken und viele am Engagement zweifeln lassen, „sind doch immer nur punktuell“. Von manchem „habe ich erst erfahren, wenn meine Eltern angerufen haben, als es abends in der Tagesschau kam“. Und „die afghanischen Kollegen haben dann immer bei mir angerufen, gefragt, wo ich bin und ob sie etwas für mich tun können“. Susanne Annen hat einen sicheren Job beim Bund. Aber sie hat ihr Herz an Afghanistan und seine Menschen verloren. „Dort herrscht Aufbruchstimmung. Auch wenn das hier im Moment gerade nicht so rüberkommt“, sagt sie zwischen zwei Zügen einer blauen Lucky Strike am Telefon. „Die Menschen dort möchten etwas Schönes in ihrer Umgebung.“ Längst gebe es in Kabul eine Mittelschicht, die auch am Wochenende etwas unternehmen möchte. „Die Menschen kommen zu uns und fragen danach.“ Sie nennt Beispiele: Der mit internationalen Geldern restaurierte Babur Garten in Kabul trägt sich trotz geringer Eintrittsgelder selbst. Im Park treffen sich Liebespaare, Familien picknicken. Ghazni soll nächstes Jahr Kulturhauptstadt werden. Die Nischen der gesprengten Buddhas ziehen viele Afghanen an, Japan will an der Ausgrabungsstätte ein Museum finanzieren. Die Zitadelle in Herat ist ein Schmuckstück geworden. All das sind für Susanne Annen Zeichen dafür, dass es vorangeht. Und ihre Erfahrung ist, dass die Afghanen sich mehr davon wünschen.

Sie ist stolz darauf, was sie mit ihrem afghanischen Kollegen Fahim im Nationalmuseum erreicht hat. Fahim ist jetzt Kurator, entscheidet über Zeitpläne und Budgets – und wacht von Ferne über den kostbarsten Schatz, das baktrische Gold, während es um die Welt tourt. Mit kräftiger Finanzhilfe der USA soll nebenan ein modernes Museum entstehen. Dann kann der Goldschatz endlich nach Kabul zurückkehren. Bis dahin will Susanne Annen mit Kollegen noch mehr Wissen weitergeben. Einige Afghanen waren bereits auf Schulungen im Ausland. Da es viele in Deutschland und anderswo übliche Hilfsmittel in absehbarer Zeit in Afghanistan nicht geben wird, sollen mehr ausländische Experten ins Land kommen. „Wenn wir da sind und mit Kontinuität arbeiten, können wir viel erreichen“, ist Annen überzeugt. Das Museum hat inzwischen eine schicke Webseite, die eine Afghanin betreut. „Als ich ankam, hatten wir nicht mal einen Internetanschluss.“

„Wir sind selbst schuld, dass viele Afghanen uns zwischendurch erst mal alles auf den Tisch geschoben haben.“ Wieso? „Weil wir alles selbst machen wollten.“ Susanne Annen kennt auch die Tücken. Anderes Zeitempfinden, lähmend erscheinende Bürokratie. Sie lacht: „Aber es gibt immer eine Lösung, meist eine unbürokratische.“

An dem Nachmittag im Herbst kam der Strom wieder. Warmes Rotbraun umschließt die Vitrinen mit den Ausgrabungen aus Mes Aynak. Susanne Annen sprintet zum Schalter. Die Wärter haben die Neonröhren angeknipst, dabei gibt es warme Spots, hinter der Tür liegt ein Häufchen Müll. Susanne Annen zuckt die Schultern. „Sie haben ein anderes ästhetisches Empfinden.“ Aber sie sind stolz auf ihre Kultur. Wie den hölzernen Buddha. Er misst nur 20 Zentimeter, ist aber das einzige hölzerne Exemplar aus dem 5. bis 7. Jahrhundert. Ein Kleinod.

Fahim ist dafür jetzt zuständig. Er bekommt nur 100 Dollar im Monat. Bei internationalen Entwicklungsorganisationen könnte er ein Mehrfaches verdienen. Doch er bleibt. Ingrid Müller

Ein Hauch von Orient.

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Masar-i-Scharif brodelt das Leben.

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nichts, was es hier nicht gibt.

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