Politik : Von außen an die Spitze

Was Merkel und Thatcher eint – und was nicht

Albrecht Meier

Eine Frau unter vielen Männern – dieses Bild bietet sich beim Blick auf Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel und ihr Kompetenzteam. Historisch drängt sich bei diesem Bild der Vergleich zur ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher auf, die sich in den siebziger Jahren auf ihrem Weg nach oben plötzlich (ganz) allein unter Männern wiederfand. 1979 wurde Thatcher Regierungschefin. In diesem Amt entwickelte sie jenen Marktradikalismus, der seinerzeit zwar Großbritannien revolutionierte, aber heute wenig mit der deutschen Reformdiskussion zu tun hat. Blickt man allerdings auf Thatchers Zeit als Oppositionsführerin, so tut sich eine interessante Parallele zu Angela Merkel auf: Beide Politikerinnen gingen und gehen sehr vorsichtig bei der Ausarbeitung ihrer Wirtschaftsprogramme zu Werke.

Wie Angela Merkel gelangte auch Thatcher aus der Position einer Außenseiterin an die Spitze ihrer Partei, die Konservativen. Anders als die Granden in der Partei verfügte sie dort über keine natürliche Machtbasis, als sie nach einem „Putsch“ gegen den damaligen Parteichef Edward Heath 1975 die Führung der Tories übernahm. Frau und Außenseiterin – das waren die zwei Merkmale, die in den Augen des Thatcher-Beobachters Hugo Young auch prägend werden sollten für den Führungsstil der „Eisernen Lady“, wie in dessen 1989 erschienener Biografie „One of us“ nachzulesen ist.

Ähnlich wie Merkel legte auch Thatcher in ihrer Zeit als Oppositionsführerin einen deutlichen inhaltlichen Schwerpunkt auf die Wirtschaftspolitik. Deshalb hatte es für die britische Öffentlichkeit seinerzeit eine große Bedeutung, wen sie für das Amt des Schatten-Schatzkanzlers nominieren würde, der die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Labour-Regierung zu attackieren hatte. Die Wahl der Parteichefin fiel auf Geoffrey Howe, der später tatsächlich auch Schatzkanzler und Außenminister werden sollte. Der Pragmatiker Howe erhielt den Vorzug gegenüber Thatchers engem politischen Freund und Ideengeber Keith Joseph, der die Gewerkschaften offen angriff.

Entsprechend zahm war auch das Wirtschafts-Manifest „The Right Approach to the Economy“ („Der richtige Weg für die Wirtschaft“), das die oppositionellen Tories 1977 unter Howes Federführung vorlegten. In dem Manifest stand viel Unkonkretes wie die Kontrolle der Geldmenge zur Inflationsbekämpfung – damals eine der wirtschaftlichen Hauptsorgen – oder das Versprechen, die Steuern zu senken. Da sie gerade erst zwei Jahre als Parteivorsitzende im Amt war, beschränkte sich Thatcher bei der Diskussion über dieses Manifest auf die Rolle der Maklerin zwischen Pragmatikern wie Howe und den Radikalen wie Keith Joseph. Dass der Thatcherismus später für eine drastische Einschränkung der Rolle des Staates in der Wirtschaft stehen würde, ließ sich damals kaum erahnen.

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