Politik : Von Australien lernen

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Eines der großen Verhängnisse der modernen Menschheit ist dies: Wir leben im Schnitt 80 Jahre, haben aber pro Kopf Filme, Fernsehsendungen, Musik und Computerspiele für 160 Jahre gespeichert. Diese Kluft wächst mit jeder neuen Gerätegeneration, falls nicht der große Universalvirus kommt und all das Zeug auffrisst. An dieser Stelle hier rufen wir ungern nach dem Gesetzgeber, diesmal muss es sein. Hilfe!

In Australien machen sie was. Australien gilt uns Hiesigen ja als Lockerland ohne richtige Tiefe, wo sie heute Kängurus anbauen und morgen Wein züchten oder umgekehrt, sofern sie nicht gerade zum Rumhängen und Biertrinken bei irgendwelchen arglosen Nachbarn aufkreuzen. Aber dies hier ist wegweisend: Die australische Vorlage für ein neues Copyright-Gesetz. Wer zum Beispiel künftig eine Sendung aus dem Fernsehen aufnimmt, darf sie hinterher einmal ansehen und muss sie dann löschen. Mitnehmen und den Freunden zeigen, das ist verboten. Erst ein Stück ansehen, dann aus Langeweile einschlafen und am nächsten Tag alles noch einmal von vorn laufen lassen – auch verboten. Und CD-Kopien dürfen nur dann gefertigt werden, wenn sie in ein anderes Format umgesetzt werden, und nur, wenn die Originalreihenfolge unverändert bleibt. Downloads gehen überhaupt nicht, DVDs … Ach, alles streng verboten. Wir erkennen in dieser fürsorglichen Gesetzesinitiative unschwer das Vorbild. Es ist das geheimnisvolle Bandgerät, über das die Agenten in der alten TV-Serie „Mission Impossible“ ihre Aufträge erhielten. Kaum war das Band durch, löste es sich zischend von selbst auf, und das Team war ganz auf sich selbst gestellt. Das gespeicherte Kunstwerk als einmalige Darbietung – näher kann die Aufzeichnung dem Original kaum noch kommen.

Und mit einem Schlag werden ganze Altarchive so sinnlos, wie sie ohnehin schon sind. 17 Folgen von „Dallas“, drei Stunden Höhepunkte aus der „Sesamstraße“, dazu Tonnen von blöden Filmen, mit riesigen Werbeunterbrechungen, die nie jemand gesehen hat – all das könnte weg und würde in unseren Wohnungen eine große, wohltuende Lücke hinterlassen. Menschen, die sich jetzt nur noch durch den Musikschleier ihrer iPods wahrnehmen, müssten sich wieder gegenseitig zuhören, Familien würden wieder zueinander finden, fröhliche Feste mit handgemachter Musik würden unsere Straßen in ein multikulturelles … Ach, schon gut. Es bleibt wohl doch besser alles so, wie es ist in Deutschland.

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