Politik : Von Babys und Bossen

OECD: Familie und Beruf lassen sich in Deutschland schlechter vereinbaren als anderswo

Hans Monath

Berlin - Erstmals hat eine wichtige internationale Organisation die Bundesregierung ermuntert, die Grundentscheidungen ihrer Familienpolitik weiter zu verfolgen und die Infrastruktur für Kinderbetreuung weiter auszubauen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommt in einer am Donnerstag veröffentlichten Studie mit dem Titel „Babies and Bosses“ zu dem Schluss, dass trotz vergleichsweise hoher Staatsausgaben für Familien deutsche Eltern Beruf und Familie schlechter vereinbaren können als Eltern in anderen vergleichbaren Ländern.

Es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen dem geringen Prozentsatz berufstätiger Mütter und dem hohen Anteil von Kindern in Armut in Deutschland, sagte OECD-Experte Willem Adema. Deutschland könne „durch mehr Betreuungsplätze die Arbeitsaufnahme von Frauen erleichtern und so dadurch auch die wirtschaftliche und soziale Situation für Familien verbessern“. Dies gelte insbesondere für alleinerziehende Mütter. Die Berufstätigkeit von Müttern sei ein Schlüsselindikator für Armut.

Zu ähnlichen Ergebnissen waren in den vergangenen Jahren auch deutsche Untersuchungen gelangt. Im Vergleich von 24 OECD-Ländern liegt die Bundesrepublik mit den Familienausgaben (rund drei Prozent der Wirtschaftsleistung) über dem Durchschnitt. Allerdings gibt Deutschland das Geld falsch aus. Die Höhe der Staatsausgaben sei weniger entscheidend als der Einsatz dieser Mittel, sagte Adema. So investiert der deutsche Staat nur ein Viertel der Summe in die Kinderbetreuung und andere Dienstleistungen. In den nordischen Ländern, Frankreich und den Niederlanden seien es zwischen 40 und 60 Prozent.

Seit ihrer Regierungsübernahme vor zwei Jahren hat die große Koalition ein Elterngeld eingeführt, das auch Väter zum Erziehungsurlaub ermuntern soll, und einen massiven Ausbau der Krippenplätze beschlossen. Die OECD lobt nun, die im Vergleich zum Erziehungsgeld kürzere Bezugsdauer des Elterngeldes schaffe mehr Anreize, dass Eltern früher wieder in den Beruf zurückkehrten. „Längere Auszeiten ruinieren die Karriere von Frauen“, meinte Experte Adema.

Ausdrücklich gewarnt wird in der OECD-Studie dagegen vor einer Leistung wie dem „Betreuungsgeld“ für zu Hause erziehende Elternteile. Führende CSU- Politiker sowie Anhänger eines traditionellen Familienbildes in der CDU hatten ihre Zustimmung zum geplanten Ausbau der Krippenplätze davon abhängig gemacht, dass die Bundesregierung als Ausgleich später Eltern direkt finanziell unterstützt, die ihr Kind nicht in eine Krippe oder einen Kindergarten geben. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte in den vergangenen Wochen mehrfach erklärt, dass sie sich diesem von der SPD abgelehnten Ziel verpflichtet fühle. Ein solches Instrument sei vielleicht auf den ersten Blick sinnvoll, im Effekt aber „oft desaströs“, warnt die OECD. Die Leistung zerstöre nämlich den Anreiz zur Arbeitsaufnahme. Arbeitgeber schreckten vor der Einstellung von Frauen zurück oder investierten weniger in deren Karriere, wenn ein solcher Transfer zu lange bezahlt werde.

Die Studie äußert sich skeptisch im Hinblick auf höhere Direkttransfers und schlägt stattdessen vor, den Eltern Gutscheine für Kinderbetreuung zu finanzieren. Zudem müssten deutsche Schulen mehr Betreuungsplätze anbieten.

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