Politik : Von der Behörde bis zur Nachbarschaftskontrolle

Ein internationaler Vergleich zeigt große Unterschiede bei der Rolle des Staates in der Kindererziehung

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Finnland - In dem skandinavischen Land können Eltern eine Zusammenarbeit mit dem Staat in Erziehungsfragen kaum vermeiden. An fast allen finnischen Schulen gibt es Förderstunden und Lehrerassistenten, es sind Sozialarbeiter und Krankenschwestern tätig. Falls bei einem Kind Anzeichen von Lernschwäche oder sogar Verwahrlosung auftreten, reagieren sie sofort. Laut Pisa-Studie gehören Finnlands Schüler zu den besten der Welt. Bis zum 17. Lebensjahr besuchen alle gemeinsam die obligatorischen Gesamtschulen. Dort verbringen sie den Großteil ihres Tages, denn die Unterrichtsstunden dauern bis in den Nachmittag hinein. Für Kleinkinder ist in Finnland seit 1973 die Ganztagsbetreuung vor der Einschulung mit sieben Jahren gesetzlich garantiert. Die Kommunen sind verpflichtet, den Eltern Kindertageseinrichtungen oder Tageseltern zur Verfügung zu stellen. Der finnische Staat setzt also wesentlich stärker als der deutsche auf die Pflege und den Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung. Diese erfüllt gleichzeitig eine Kontrollfunktion. lich

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Spanien - Schätzungen zufolge werden in Spanien jährlich mehrere zehntausend Kinder von ihren Eltern geschlagen oder sexuell missbraucht. Die Dunkelziffer ist jedoch sehr hoch, Fachleute schätzen, dass nur zehn bis 20 Prozent aller Misshandlungsfälle bekannt werden. „Die Kinder klagen ihre Situation meistens nicht an“, sagt ein Sprecher der Jugendbehörden in Madrid. „In der Regel kommen die Hinweise von Kindergärtnerinnen, Kinderärzten, Lehrern oder Sozialarbeitern.“ Mit diesen sei ein „Handlungsprotokoll“ vereinbart worden, das die Beurteilung und Verfolgung von Misshandlungen erleichtern soll, so die Jugendbehörde. Schwierig sei aber die Vorbeugung und Erkennung von Misshandlungen bei Kleinkindern, da Besuche beim Kinderarzt nicht obligatorisch seien. Vom sechsten Lebensjahr an, mit dem die Schulpflicht beginnt, gebe es dann zwar regelmäßige ärztliche Untersuchungen innerhalb der Schule. Zu denen müssten aber die Eltern ihre Zustimmung geben. Die meisten Misshandlungen fielen in die Kategorie der „Vernachlässigung“ – etwa durch einen Mangel an Ernährung, Hygiene oder Erziehung. ze

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USA - In den USA fallen Schulwesen, Gesundheitsbetreuung und soziale Fürsorge in die Kompetenz der Einzelstaaten, deshalb variieren die Vorschriften in den Details. Die grundsätzlichen Standards sind aber ähnlich wie in Deutschland. Generell herrscht Schulpflicht, Eltern dürfen ihre Kinder weder verwahrlosen lassen noch misshandeln. Bei schweren Verstößen können ihnen Behörden und Gerichte das Sorgerecht entziehen und die Kinder anderswo in Pflege geben. Wie in Deutschland, zum Beispiel im Falle von Binnenschifferfamilien, sind Ausnahmen von der Schulpflicht möglich, wenn Beruf oder Wohnort der Eltern den regelmäßigen Schulbesuch verhindern und die Eltern den Unterricht übernehmen. Wegen der Größe des Landes kommt dies in den USA häufiger vor, im Mittleren Westen beispielsweise liegen zahlreiche Farmen viele Kilometer entfernt von größeren Siedlungen. Im Unterschied zu Deutschland vertreten Amerikaner eher die Auffassung, der Staat habe nur sehr begrenzt das Recht, den Bürgern in ihr Privat- und Familienleben hineinzureden. Doch wird dies durch eine wesentlich schärfere soziale Kontrolle in der Nachbarschaft ausgeglichen. Ganz selbstverständlich melden Nachbarn es den Behörden, wenn auffällig oft Schmerzensschreie zu hören sind, Kinder mit Verletzungen herumlaufen oder verwahrlost wirken. cvm

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