Politik : Von der Klinge gesprungen

Vor zehn Jahren hatte Daniel Mordabsichten. Er wurde in der Schule gemobbt. Da war er noch Kind. Fast hätte er zugestochen. Seine Sozialprognose: katastrophal. Asozial, gewalttätig, zu faul für diese Gesellschaft. Ein Verlierer. Aber Daniel hat nicht verloren.

Christiane Tramitz
2012
2012

Das Messer war groß, knapp einen halben Meter lang, die Schneide geriffelt, der Griff aus Holz. Daran kann sich Daniel noch erinnern. Und dass er es fünf Wochen lang in seinem Schulranzen mit sich getragen hatte, um auf den passenden Moment zu warten, in dem er seinen Lehrer töten würde.

Daniel war elf Jahre alt, ängstlich, verzweifelt, klein geraten und zu pummelig, obwohl er sich morgens die Seele aus dem Leib kotzte, aus Angst vor dem, was ihm in der Schule tagtäglich widerfuhr.

Damals saß er in der Küche auf der Eckbank, von zwei Teddybären eingerahmt und erzählte stockend seine Geschichte.

Inzwischen sind zehn Jahre vergangen, Daniel ist ein junger Mann geworden, mit gutmütigen Augen und einem freundlichen Lächeln.

Jetzt sitzt er wieder auf der Eckbank. Seine auseinandergebreiteten Arme deuten die Länge des Messers an. Ihm gegenüber nimmt seine Mutter, Frau Berger, einen Schluck Kaffee, die Hände in weiße Baumwollhandschuhe gepackt. Sie schüttelt den Kopf. „Kann nicht so lang gewesen sein, hätte ja niemals in deinen kleinen Schulranzen gepasst“, sagt sie und steht auf. „Ich such es mal.“

„Stimmt, kann nicht so groß gewesen sein“, sagt Daniel. „Vollkommen weg, komplett verdrängt und ausgeblendet, diese Zeit.“

Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ aus jener vergessenen Zeit. „Ich weiß nicht einmal mehr genau, was da drin steht“, sagt Daniel heute.

„Daniels Angst, Daniels Messer“, lautet die Überschrift.

Die Geschichte erzählt von seiner Verzweiflung, von seinem Versagen. Und von seiner geplanter Rache, die ein Mitschüler, in Daniels Mordgedanken eingeweiht, vereitelt hatte. Alles ging seinen Lauf: Direktorat, Polizei, Jugendamt, Psychologe, eine verzweifelte Mutter, Daniel, der weder ein noch aus wusste.

Nicht zuletzt ist diese alte Geschichte aber auch die Geschichte eines Lehrers, der sich in seiner lange schon verfestigten Annahme bestätigt sah: Daniel sei ein asozialer Junge, minderbemittelt, verstockt, aus dem nie etwas werden würde.

„Keine Ahnung, wo das Messer ist“, Frau Berger schließt die Schublade und setzt sich wieder an den Tisch.

„Das Schlimme damals war“, sagt sie, „mein Sohn hat nicht an sich geglaubt.“

Wie auch? Von früh an fühlte sich Daniel als Randfigur. Er lebte dort, wo jene wohnen, die es nicht nach oben geschafft haben, Menschen, die zum Putzen gehen oder von Sozialhilfe leben. Und das am Rande einer der reichsten Gemeinden Deutschlands in der Nähe des Starnberger Sees.

Zusammen mit Mutter und Oma wuchs Daniel in einem kleinen alten Haus auf. Ohne Vater, der hatte sich von Frau und Sohn verabschiedet, als Daniel vier Jahre alt war. Die alleinerziehende Mutter war spätestens mit der Einschulung ihres Kindes am Ende ihrer Kräfte angelangt. Ohnmächtig war sie im Kampf gegen Daniels Angst, Trauer und Verzweiflung. Gefühle, die ihn begleiteten, weil niemand sein Freund sein wollte. Zu dick war er, zu klein, zu wehrlos, ein leichtes Opfer. „Fettkloß und Hurensohn“ nannten ihn die Kinder des Ortes.

„Daniel hat sich irgendwann selbst nicht mehr leiden können“, hatte Frau Berger vor zehn Jahren über ihren Sohn gesagt. „Es gibt Kinder, auf die kann man zugehen und sagen, ach, ist der süß. Daniel gehört wohl nicht dazu, der ist kein solches Knuddelkind. Dabei ist er doch auch nur ein Kind“, hatte sie nach einer kurzen Pause hinzugefügt. „Nein“, hatte Daniel schnell gesagt: „Ich bin ein Mensch.“

Auch der Lehrer wollte nicht auf Daniel zugehen. Aburteilung auf den ersten Blick. Gleich am ersten Tag, nach dem ersten Regelverstoß, verwies er ihn in die Ecke. Daniel hatte mit seinem Banknachbarn geschwatzt. Da stand er nun, ausgeschlossen, zur Schau gestellt, der Fettkloß, der Hurensohn, und spürte die spöttischen Blicke im Rücken.

Die beiden US-amerikanischen Psychologen Robert Rosenthal und Leonore Jacobson, Begründer der Pygmalion-Theorie, machen das äußere Erscheinungsbild eines Schülers als maßgeblichen Einfluss auf die Bewertung durch ihre Lehrer aus. Je attraktiver ein Schüler ist, desto bessere Leistungen werden ihm zugetraut, desto positiveres Feedback erfährt er, desto besser werden die Leistungen. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Kein Knuddelkind also, ein schlechter Start für Daniel. Vom ersten Schultag an befand er sich in einer üblen Spirale. Vom Lehrer gegängelt, wurde Daniel für die Mitschüler vogelfrei. Bestenfalls mieden sie ihn, meistens verspotteten und verprügelten sie ihn.

Wenige Wochen nach Schulbeginn musste Frau Berger ihren Sohn morgens mit dem Putzeimer in der Hand wecken. „Immer erbrochen hat er sich vor der Schule, alles vollgekotzt. Daniel hat alles in sich reingefressen, hat sich nicht wehren können. Kein Wunder, dass man dann kotzen muss.“

Mittags, wenn Daniel aus der Schule kam, verzog er sich nach oben in sein Zimmer. Dort setzte er seine Qual fort, malträtierte sich selbst. Immer wieder schlug er mit dem Kopf gegen die Wand, bis er blutete. „Einmal wollte er sogar aus dem Fenster springen, um allem und sich selbst ein Ende zu bereiten“, hatte die Mutter erzählt. „Ich musste ständig auf ihn aufpassen.“

Durchdrungen von Angst und Verzweiflung wurde Daniel im Lauf der folgenden vier Schuljahre zum Verweigerer. Keine Hausaufgaben, keine Aufmerksamkeit im Unterricht, entsprechend schlecht wurden seine Leistungen. Je bockiger er auftrat, desto drastischer wurden die Strafen. Weil der Lehrer Daniels „bösen Blick“ als Zumutung empfand, musste der Schüler seine Bank umdrehen. Um 180 Grad. Den Kopf nach vorne richten durfte Daniel nur, wenn der Lehrer etwas auf die Tafel geschrieben hatte. Trotz der Kopfschmerzen, die Daniel wegen dieser verqueren Kopfhaltung bekam, trotz Frau Bergers Beschwerden zog der Lehrer diese Strafmaßnahme sechs Monate lang durch.

Bis Daniel das Messer einpackte, bis die „Süddeutsche Zeitung“ darüber berichtete und der Lehrer ein paar Wochen später nicht mehr in der Schule erschien. Man hatte ihn suspendiert, versetzt oder vom Unterricht befreit. „Keine Ahnung, wo der hin ist“, sagt Daniel. „Was war das für eine Zeit“, Frau Berger blickt ihren Sohn nachdenklich an. „Zwölfeinhalb Jahre habe ich um dich gekämpft.“

Vorsichtig zieht sie ihre Handschuhe aus. Sie hat wunde Hände, an den Innenflächen hängt die Haut in Fetzen. „Blutig, ich kann nichts mehr anfassen vor Schmerzen“, sagt sie. Die Ärzte haben alles versucht, vergebens. „Jetzt vermuten sie eine Autoimmunkrankheit und schicken mich zur Psychotherapie. Wozu? Jetzt, wo alles vorbei ist mit den Sorgen.“ Frau Berger schmiert eine dicke Schicht Creme auf die Wunden. „Aufgegeben habe ich meinen Sohn nie. Aber den Glauben, den hab ich schon mal verloren.“

Daniel zündet sich eine Zigarette an. „Ich hab halt Pech gehabt, Pech mit den Lehrern“, sagt er. An einen Übertritt auf die Realschule oder gar aufs Gymnasium war nicht zu denken, zu schlecht waren seine Leistungen. Für ihn blieb nur die Hauptschule, so, wie es der Lehrer seit der zweiten Klasse prognostiziert hatte. Daniel schwamm im Sammelbecken der, wie das gängige Urteil besagt, Übriggebliebenen, Bildungsfernen, Minderbemittelten, der Loser – mit Daniel als gefühltem Oberloser. Früh ahnte er, dass sich hier fortsetzen würde, was er in der Grundschulzeit erleben musste. „Da hat ein Blick in meine Schulakte genügt und die Lehrerin wusste genau, dass ich nicht gerade ein Musterschüler bin. Kein Wunder, dass die von Anfang an was gegen mich hatte.“

Es dauerte nicht lang, bis Daniels Schulakte ergänzt wurde. „Asoziale Verhältnisse“, schrieb die Lehrerin. Das war, „nachdem ich im Sport eine Schlägerei mit einem Mitschüler hatte“, erinnert sich Daniel. „Der hatte gesagt, dass meine Mutter eine Hure ist.“ In dem Schreiben hatte die Lehrerin vermerkt, es sei kein Wunder, dass Daniel sich prügele, schließlich stamme er aus asozialen Verhältnissen. „Diesen Verweis“, sagt Frau Berger, „habe ich nicht unterschrieben. Leck mich am Arsch, das sollte Daniel ihr von mir ausrichten. Leck mich am Arsch. Genau so. Wenn die meint, wir sind asozial, dann bekommt sie auch eine asoziale Antwort!“

Sie blickt sich in ihrer Küche um. Die hat sie vor kurzem renovieren lassen, die dunkle Holzdecke wurde weiß gestrichen, die alten Möbel und Elektrogeräte rausgeschmissen, neue Vorhänge wurden genäht, hell mit bunten Mustern. Auf den Fensterbänken stehen Blumentöpfe. Zwischen ihnen schläft eine Katze. Felix heißt sie, die Glückliche. Ein Blick durch das Fenster in den Vorgarten: gepflegter Rasen, geschnittene Rosen, für den anstehenden Winter mit Zweigen bedeckt. Die Gegend ist inzwischen keine Randlage mehr, die Reichen brauchen Platz, haben sich inzwischen ausgedehnt ins ehemalige Scherbenviertel.

„Leck mich am Arsch habe ich natürlich nicht gesagt, hätte alles nur schlimmer gemacht.“ Die Zukunft sah ohnehin düster genug aus. „Alle, meine Mitschüler, die Lehrer sowieso und später auch meine Mutter, alle haben gesagt, du schaffst es nicht, du bist zu faul, dein Gehirn ist zu klein.“ Und Daniel war auf dem besten Weg, die Prophezeiungen zu bestätigen. Der qualifizierende Abschluss rückte in weite Ferne.

Im Rahmen der Schulzeit hatte Daniel auch ein Praktikum zu absolvieren. Der Zufall wollte es, dass er über einen flüchtigen Bekannten der Mutter eine Stelle in einem Betrieb bekam, in dem er sich einen Traum erfüllen konnte – große Maschinen. Schon als Kind begeisterte sich der damals zu klein geratene Daniel für große Maschinen, je größer, desto besser, Baumaschinen, Traktoren, mächtige Geräte, die viel zu bewegen vermochten: Erdreich, Mist, Bäume, Steine. Nichts tat Daniel lieber, als auf dem nahe gelegenen Bauernhof darauf zu warten, dass ihn der Bauer auf den Traktor zog, um mit ihm über die Felder zu rattern. Seine Leidenschaft für Maschinen setzte er im Praktikum um, der Meister war begeistert von seinem Lehrling und Daniel spürte zum ersten Mal im Leben: Ich bin was wert.

Nach dem Praktikum stand sein Entschluss fest: Er wollte Mechaniker für Land- und Baumaschinentechnik werden. Trotz fehlender Aussicht auf den qualifizierten Abschluss bot ihm der Meister eine Lehrstelle an, einzige Voraussetzung: keine Fünf im Abschlusszeugnis.

Bange Wochen, die Notenlage war katastrophal. „Die Lehrerin hat mir gesagt, du nicht! Dafür werde ich schon sorgen, die Fünf, die ist dir sicher. Muss die mich gehasst haben“, sagt Daniel. Eine Fünf, das hätte keine Lehrstelle bedeutet, ein Job als Hilfsarbeiter oder Hartz IV, finanzielle Probleme, gefühlte Wertlosigkeit.

Doch es war nicht nur der Meister, der Daniels Leben in eine gute Richtung lenken konnte, da war auch noch ein junger Lehrer, der neu an die Schule gekommen war. „Der hat sich nicht für die Schulakten interessiert, bei der standen wir Schüler im Mittelpunkt, so, wie wir waren, und nicht anders.“ Daniel streichelt der schnurrenden Katze übers Fell. „Dem Mann habe ich viel zu verdanken, der hat sich mit den anderen Lehrern angelegt und durchgesetzt, dass ich keine Fünf bekomme.“ Er lächelt. „Ich glaube, er hat mich gemocht. Ohne ihn wäre ich nicht das, was ich heute bin.“ Ein junger Lehrer und ein Meister, allein diese beiden Menschen haben Daniel einen neuen Weg geebnet. Sie waren unvoreingenommen, mochten und respektierten den Schüler. Und gaben ihm eine Chance.

Daniel zieht ein Handy aus der Hosentasche, sein Finger scrollt über das Display. „Hier, das bin ich heute.“ Da steht er, in Soldatenuniform, ein Maschinengewehr in der Hand, aufrechte Haltung, der Blick stolz und finster zugleich. „Ich habe es geschafft“, sagt er. „Sogar die Gesellenprüfung.“

Die war vorerst die letzte Hürde in seinem Leben. Traumatisiert von den vorangegangenen Schulerlebnissen, festgefahren im Verweigern, weil er sich für alles zu dumm fühlte, war Daniel auch in der Berufsschule unfähig gewesen, zu lernen. Obwohl er wusste, dass sein Nichtstun Traum und Zukunft zerstören könnte. Die Zwischenprüfung war ein Desaster. Selbst der Meister und der wohlwollende Lehrer sagten: „Du schaffst es nicht.“ Irgendwann hatte auch die Mutter den Glauben an ihn verloren.

Vier Wochen vor der Prüfung startete Daniel einen letzten verzweifelten Versuch. Er nahm Urlaub. „Zum Lernen“, sagt Frau Berger und lacht laut auf. „Und was hat er in dieser Zeit gemacht?“ Kein einziges Buch hat er in der Zeit angerührt, nur zum Nachhilfeunterricht in Mathe ist er gegangen. Und Daniel hat stets gesagt, „ich schaffe es schon“, und sich dann in sein Zimmer verzogen. Da lag er dann den ganzen Tag auf seinem Bett, hörte Musik und starrte an die Decke, neben ihm, unberührt auf dem Boden verstreut, Bücher und Lernblätter. „Ich hab damals total resigniert“, sagt Daniel, „weil auch mein Nachhilfelehrer gesagt hat, dass ich keine Chance habe.“

Daniel trat zur Prüfung an. Sein Leben stand zum zweiten Mal auf der Kippe. „Hopp oder top, hab ich da gedacht.“ Triumphierend blickt er in die Runde. „Und? Von 100 Punkten habe ich 78 erreicht, die Gesellenprüfung bestanden.“ Niemand konnte dieses gute Ergebnis fassen, am wenigsten Daniel selbst. „Irgendwann im Leben muss man halt auch mal Glück haben“, sagt er.

Danach ging es bergauf. Daniel verpflichtete sich zu acht Jahren Militärdienst, absolvierte erfolgreich den Unteroffizierslehrgang, ist nun als Stabsunteroffizier für ungepanzerte Fahrzeuge zuständig. „Er verdient jetzt richtig gut“, sagt seine Mutter. Daniel nickt. „Hab mir sogar ein neues Auto gekauft, ein großes.“

Daniel ist verliebt, zum ersten Mal in seinem Leben. „In Franziska. Wir wollen bald heiraten“, sagt er. „Und dann eine Familie gründen. Da braucht man schon ein großes Auto.“

Frau Berger blickt auf ihre eingepackten Hände. „Ja, ja, ein ganz großes.“

Und dann fällt ihr das Messer wieder ein. „Jetzt erinnere ich mich“, sagt sie, „es ist weg, dieses Messer. Verschwunden, seit der Küchenrenovierung.“

„Verschwunden halt, wie alles aus dieser Zeit“, sagt Daniel.

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