Politik : Von der Kür zur Pflicht

Bei der Vorwahl in New Hampshire gilt Mitt Romney als Favorit. Doch sein Werben um Wähler verliert an Unbeschwertheit.

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Bildlich gesprochen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ist auch im US-Bundesstaat New Hampshire auf Siegeskurs. Foto: Brian Snyder/Reuters
Bildlich gesprochen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ist auch im US-Bundesstaat New Hampshire auf...Foto: REUTERS

Nein, der Kandidat lässt keine Fragen zu. Das irritiert Mike im oberen Rang des voll besetzten Opernhauses der Kleinstadt Rochester. Mike ist ein „Small Business Man“ und hätte Mitt Romney gerne gefragt, bei welchen Regierungsprogrammen er sparen möchte, um die hohe Verschuldung abzubauen. Doch die Plätze unten im Foyer waren schon alle gefüllt, als er kam. Von hier oben auf der Empore kann er keine Frage stellen. Aber er hätte erwartet, dass die unten in den vorderen Reihen die Chance haben, den Kandidaten auf Herz und Nieren zu prüfen.

Das ist nämlich das selbstbewusste Verständnis der Bürger von New Hampshire von ihrer Rolle im Wahlsystem der USA. Sie stimmen als zweiter Staat im Präsidentschaftswahljahr darüber ab, wer für die beiden großen Parteien als Spitzenkandidat antreten soll. Stellvertretend für die Amerikaner in anderen Bundesstaaten testen sie die Bewerber, denn die stellen sich hier üblicherweise in Bürgerversammlungen den Wählern. „Retail Politics“ nennt man das. Politische Programme müssen wie im Einzelhandel durch ein überzeugendes Beratungsgespräch verkauft werden – als Alternative zum „Großhandel“, wo die Bürger die Kandidaten nur im Fernsehen erleben, ihnen aber nie leibhaftig gegenüberstehen.

Mitt Romneys Werben gleicht zunehmend dem Versuch, die Kandidatenkür in eine Akklamation umzuwandeln. Er hat die erste Vorwahl in Iowa knapp gewonnen, mit nur acht Stimmen Vorsprung. Das war ein großer Erfolg für ihn. Denn er gilt als moderater Republikaner, und der Farmstaat Iowa mit seinem hohen Anteil religiöser Wähler war kein gutes Terrain für ihn.

In New Hampshire erscheint sein Sieg seit Monaten sicher. Der Neuenglandstaat ist säkular. Zudem dürfen, anders als in Iowa, nicht nur die Bürger über den republikanischen Wunschkandidaten abstimmen, die sich als Sympathisanten der Partei eintragen, sondern auch die nicht parteigebundenen Wähler. Damit verwandelt sich Romneys größtes Handicap in einen Vorteil. In der eigenen Partei gilt er als ideologisch unzuverlässig; dort kommt er bisher nicht über 30 Prozent Zustimmung. Doch für parteilose Wähler in New Hampshire ist das Etikett, er sei ein Pragmatiker, attraktiv. Romney führt im Schnitt der Umfragen hier mit 39 Prozent. Mit Abstand folgen der Libertäre Ron Paul (20 Prozent) sowie drei weitere Bewerber – Jon Huntsman, Rick Santorum und Newt Gingrich – mit je zehn Prozent. Es sieht danach aus, als könne Romney sich die Kandidatur durch eine Serie früher Siege überraschend schnell sichern. Auch in den Umfragen für die dritte Vorwahl in South Carolina am 21. Januar ist er jetzt an die Spitze gerückt.

Neuerdings wird sein Wahlkampfstil als „Abschottung“ kritisiert, im konservativen TV-Sender Fox sogar ungewohnt scharf. Mike im obersten Rang des Opernhauses von Rochester, wo sich etwa 400 der 29 000 Einwohner eingefunden haben, murrt: „Wir möchten keine Kandidatenkrönung. Wir wollen mitreden.“

Romney ist mit beeindruckendem Gefolge erschienen. Tim Pawlenty, bis 2011 Gouverneur von Minnesota, führt ihn unter Beifall als „der nächste Präsident der Vereinigten Staaten“ ein. Bis zum Sommer galt Pawlenty als aussichtsreicher Konkurrent um die Kandidatur, scheiterte aber am Vorwurf, er sei zu moderat angesichts des Zorns der Konservativen auf Obama. Dann lobt die Senatorin von New Hampshire Kelly Ayotte Romney als prinzipienfesten Politiker. Nur er könne Obama besiegen und Amerika vor dem Sozialismus retten. Schließlich betritt Romney mit Familie die Bühne: Ehefrau Ann, vier der fünf Söhne, sieben der 15 Enkel. Er sagt, Obama sei ein netter Mensch, aber als Präsident ein Versager. Von Wirtschaft verstehe er weniger als ein Zehnjähriger. Obama wolle Amerika seine Einzigartigkeit nehmen und „europäisch“ machen. Für Romney ist das ein Schimpfwort. Europas Gesellschaften betreiben „Sozialismus“, neiden individuellen Erfolg, wollten die Bürger gleichmachen, indem sie es den einen nehmen, um es an andere umzuverteilen. Man sieht die Folgen: Der Euro ist in der Krise. Ein durchschnittlicher Amerikaner „hat 50 Prozent mehr in der Tasche“ als ein durchschnittlicher Europäer.

Draußen vor dem Eingang warten die Menschen in dichten Trauben, um Romney abzufangen, ein Foto mit ihm zu ergattern oder wenigstens ein Autogramm. Stämmige Wahlhelfer drängen jedoch die Bürger zurück und sichern die Gasse zum Bus mit Metallgittern. Romney lacht leutselig, signiert Poster und Baseballs, lässt sich aber nicht auf Sachthemen oder Fotos ein. 2011 war das noch anders. Die ernste Wahlkampfphase hat begonnen.

Offene Debatten mit Wählern im New- Hampshire-Stil haben ihre Risiken. Rick Santorum hoffte im Sog seines Beinahesieges in Iowa auf eine ähnliche Sensation. An einem College in Durham sprach ihn eine Studentin auf seine harte Haltung gegen die Homoehe an – und Santorum, noch ganz im Redestil, der bei religiösen Wählern in Iowa so gut angekommen war, erwiderte scharf: „Wenn wir die Definition von Ehe als Bund zwischen einem Mann und einer Frau aufgeben, wohin soll das führen? Warum nicht drei Männer oder vier oder fünf?“ Die Studentin brach in Tränen aus. Santorum gilt jetzt in New Hampshire als der Herzlose und Intolerante. Aktivisten für die Rechte Homosexueller stören seine Versammlungen. Sein Aufstieg ist gestoppt.

Ron Paul bittet seine Fans beim Auftritt in Meredith, die Gelegenheit zu Fragen den Parteiunabhängigen zu überlassen, „damit wir auch sie überzeugen können“. Wie wird es mit der Krankenversicherung für die behinderte Tochter weiter gehen, wenn Paul Obamas Gesundheitsreform kippen wolle, will ein Mann wissen. Wie soll Israel sich verteidigen, wenn ein Präsident Paul die Finanzhilfe streicht, fragt eine Frau. Pauls Antworten überzeugen sie nur zum Teil. Doch New Hampshire honoriert seine Offenheit.

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