Politik : Von der Realität eingeholt

Malte Lehming

Knapp drei Wochen dauert die "Operation dauerhafte Freiheit". Und plötzlich reihen sich Indizien aneinander, die den Schluss nahelegen, dass etwas nicht stimmt mit dem Krieg in Afghanistan. Der Eindruck von Planlosigkeit drängt sich auf. Ein amerikanischer Konteradmiral zeigt sich "überrascht" vom Stehvermögen des Taliban-Regimes. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zweifelt daran, ob es jemals gelingt, Osama bin Laden zu schnappen. Am Boden wiederum tut sich gar nichts. Der Frontverlauf zwischen Taliban und Nordallianz hat sich seit Beginn der Bombardements keinen Deut verschoben. Gerüchte über angebliche Desertionen der Taliban-Milizen erweisen sich als falsch. Haben sich die Amerikaner verkalkuliert? Am Freitag stand bereits in einigen Zeitungen, die USA hätten erstmals eingeräumt, dass der Krieg länger dauern könnte, als erwartet worden sei.

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Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Dieser Satz ist falsch. Richtig wäre er gewesen, wenn es nicht "erwartet", sondern "erhofft" geheißen hätte. Denn diese beiden Dinge - das Wünschen und Erwarten, das Hoffen und Prognostizieren - müssen bei allen Aussagen, die derzeit über Einsätze, Erfolge, Misserfolge und Zeiträume gemacht werden, strikt auseinandergehalten werden. Natürlich hat sich jeder im Pentagon gewünscht, dass die Taliban innerhalb einer Woche in die Knie gezwungen und Osama bin Laden überwältigt werden könne. Natürlich gibt es bis heute die Hoffnung, bis Mitte November, dem Beginn des heiligen moslemischen Fastenmonats Ramadan, den militärischen Teil der Auseinandersetzung zu beenden. Kein Soldat reißt sich darum, während der vier strengen Wintermonate kämpfen zu müssen, wenn meterhoher Schnee auf den afghanischen Bergen liegt und die Temperaturen auf sibirisches Niveau absinken. Den Hoffnungen hinkt die Realität zweifellos hinterher.

Die Erwartungen aber waren von Anfang an vorsichtiger formuliert worden. Die Verantwortlichen ließen keine Gelegenheit verstreichen, um die besondere Qualität dieses Krieges zu betonen, der sich "sehr lange" hinziehen könnte. Präsident George W. Bush sprach allgemein von "zwei Jahren", Generalstabschef Richard Myers deutete konkret an, dass die militärischen Auseinandersetzungen in Afghanistan sich bis Ende kommenden Jahres hinziehen könnten. Weiterhin wird alles getan, um Osama bin Laden dingfest zu machen. Ist der Erfolg garantiert? Nein. Beeinträchtigt das die Intensität der Suche? Ebenfalls Nein.

In Wahrheit gibt es drei vorrangige Ziele - die Zerschlagung des Terrornetzwerkes "Al Qaida", die Entmachtung der Taliban und die Etablierung einer nicht antiamerikanisch eingestellten Nachfolgeregierung in Kabul. Alles andere unterliegt der ständigen Revision: Einsatzpläne, Zeiträume, Waffengattungen, Bodentruppen. An den Zielen hat sich nichts geändert. Die Mittel, die eingesetzt werden, ändern sich ständig.

Momentan scheint es, als würden sich die Taliban-Milizen zunehmend unter die Zivilbevölkerung mischen und ihre Waffen in der Nähe von Moscheen und Krankenhäusern verstecken. Die US-Bombardements konzentrieren sich deshalb auf gegnerische Infrastrukturen und Frontverbände. Es ist nicht auszuschließen, dass massive Bodeneinsätze noch auf sich warten lassen. Befürchtungen wegen des Klimas werden vom Pentagon bereits vorsorglich beschwichtigt. Wegen ihrer modernen Ausrüstung und Satellitentechnologie könne der Winter für die US-Soldaten sogar von Vorteil sei.


Atomwaffenfähig?

Osama bin Laden und seine Terror-Organisation Al Qaida haben sich nach Informationen der "Times" bereits atomares Material für mögliche Anschläge verschafft. Sie hätten es illegal aus Pakistan bekommen, berichtete die britische Zeitung am Freitag unter Berufung auf westliche Geheimdienstquellen. Derzeit verfüge bin Laden allerdings noch nicht über die Kapazität, aus dem Material auch eine Atomwaffe zu bauen und den Westen damit anzugreifen, so die Geheimdienste. Hätte er diese Fähigkeit, würde er sie auch nutzen. Bin Laden habe es 1998 selbst als "religiöse Pflicht" bezeichnet, Atomwaffen zu erwerben, "um die Feinde Gottes zu terrorisieren". Westliche Geheimdienste befürchten den Angaben zufolge, dass bin Laden eine konventionelle Bombe mit radioaktivem Kern herstellen könnte. Diese "schmutzige Bombe" könnte ein kleines Gebiet radioaktiv verseuchen.

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