Von der Ritterschlacht zum Hybridkrieg : Auf in den Kampf!

In mittelalterlichen Ritterschlachten war ein Ziel, möglichst niemanden zu töten, denn Tote waren ein schlechtes Geschäft. Später verdrängte die Ideologie die Ökonomie als Kriegsräson. Und heute ist auf nichts mehr Verlass.

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Die ukrainische Armee und Separatisten liefern sich blutige Gefechte in der Gegend von Donezk. Am 8. August heißt es von offizieller Seite, innerhalb von 24 Stunden seien 19 Menschen getötet worden.
Die ukrainische Armee und Separatisten liefern sich blutige Gefechte in der Gegend von Donezk. Am 8. August heißt es von...Foto: dpa

Der Krieg ist zurück in Europa. Nicht hier, nicht im Zentrum; doch von den Rändern rückt er an den Kontinent heran. Und die Ränder sind uns näher, als wir lange wahrhaben mochten. Seit eine Rakete ein Flugzeug zerfetzt hat, das zufällig über Kampfgebiet flog, sind mitten im alten, friedlichen Europa Kriegsopfer zu beklagen. Seit Wladimir Putins „grüne Männchen“ in der Ukraine ihr Unwesen treiben, grübeln Nato-Stäbe darüber nach, ob ihre Verteidigungspläne derlei „hybrider Kriegführung“ gewachsen wären, diesem Mischding aus Rambo-Guerilla und Hightech-Gefecht. Der Krieg hat sein hässliches Gesicht gewandelt, wieder einmal. Wahrscheinlich ist das seine einzige Konstante. Wer den Krieg im Zaum halten will, muss seine Mechanismen verstehen – also seinen Wandel.

Nun herrscht in diesem Jahr an historischer Nachhilfe kein Mangel. 100 Jahre Erster Weltkrieg – das Gedenkjahr zieht Kreise bis in die Heimatmuseen. Nie zuvor sind so viele Bilder zu sehen gewesen vom Schrecken der Schützengräben, vom Horror des Gaskriegs, von den ersten Panzern in den Kraterlandschaften Flanderns. Die Wissenschaft führt den Streit um Kriegsschuld und Verantwortung noch einmal neu.

Die ideale Ritterschlacht? Zeichnet sich aus durch Fairness und Edelmut

Warum aber dieser August 1914 und die vier Jahre danach so einzigartig waren, warum die Zeitgenossen erst verständnislos und dann entsetzt vor den Leichenfeldern standen, gerät leicht in den Hintergrund. Dabei steckt darin eine der wichtigsten Lehren aus der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts: Der Erste Weltkrieg ist geführt worden, weil die, die ihn führten, ihn so nicht für möglich hielten.

Am 27. Juli 1214 kommt es zwischen dem französischen König Philipp II. und dem Braunschweiger Otto IV. zur Schlacht, die als "Sonntag von Bouvines" berühmt wird.
Am 27. Juli 1214 kommt es zwischen dem französischen König Philipp II. und dem Braunschweiger Otto IV. zur Schlacht, die als...Foto: akg-images / British Library

Die Blindheit hat erstaunlich viel zu tun mit einem Ereignis, das sich ebenfalls gerade zum vollen Jahrhundert jährt, allerdings weitgehend unbemerkt. Am 27. Juli 1214 lieferte der französische König Philipp II. dem Braunschweiger Otto IV. bei der Ortschaft Bouvines eine Schlacht. Philipp gewann, mit nachhaltigen Folgen für die Ordnung Europas, doch das soll hier nicht interessieren. Der Sonntag von Bouvines gilt als eine der großen Schlachten der mittelalterlichen Ritterheit. 700 Jahre später lieferten sich Krieger wieder Schlachten auf der gleichen flandrischen Ebene. Durch ihre Köpfe spukte immer noch das Idealbild, das Jahrhunderte vorher entstand. Die Folgen waren fatal.

Das Ideal ist schnell beschrieben, weil die zentralen Begriffe uns heute noch begleiten: Der Kampf der Ritter zeichnet sich durch Fairness aus, durch Mut, durch Edelmut. Die Realität war weniger edel. Man bezahlte Söldnerhaufen, schmutzige Helfer, bewaffnet mit verächtlichem Gerät wie dem kurzen Messer, das sich heimtückisch zwischen Lücken in der Rüstung stechen ließ. Die Kirche tobte, die Auftraggeber hatten ein schlechtes Gewissen, trösteten sich aber mit dem uralten Argument, dass der Gegner es noch schlimmer treibe.

In der Schlacht von Bouvines von 1214 gab es genau sieben Tote

Fairness, Mut, Edelmut – die Ideale haben bis heute überdauert. Sie geistern durch unsere Debatte, ob Drohnen „unfaire“ Waffen sind, weil die Killermaschinen sich dem Kampf Mann gegen Mann verweigern. Sie prägen unsere Wahrnehmung von Kriegstechniken – Bombenanschlag und Hinterhalt gelten als feige.

1914 leitete diese alte Idee vom Krieg Mannschaften wie Generäle furchtbar in die Irre. Die einen zogen ins Gefecht mit dem Säbel an der Seite und dem ruhmreichen Zweikampf vor Augen; die anderen hielten Kühnheit für ein taugliches Mittel gegen Maschinengewehre. Erst als Hunderttausende sinnlos im Kugel- und Granatenhagel verbluteten, ging den letzten Generalstäblern auf, dass dies keine Zeit für Helden mehr war.

Bei genauerem Studium der Geschichte hätten sie es früher ahnen können. Denn die ritterlichen Ideale entstanden unter sehr speziellen Bedingungen. Die wichtigste ist so verblüffend wie einfach: Der Ritter des 13. Jahrhunderts wollte nicht töten. Der französische Historiker George Duby zitiert in seiner Analyse der Schlacht von Bouvines einen Chronisten, der bei einem ähnlichen Feldzug genau sieben Tote zählt. Zwei fielen im Kampf, die anderen waren Opfer tragischer Unfälle – einem schlug beim Plündern ein Truhendeckel auf den Kopf.

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