Politik : Von der Vergangenheit eingeholt

Andrea Nüsse

Elie Hobeika hatte viele Feinde. Als Sicherheitschef der christlichen Miliz "Forces libanaises" hat er während des Bürgerkriegs zunächst mit Israel zusammengearbeitet. Ihm wird vorgeworfen, mitverantwortlich für die Massaker in Sabra und Schatila zu sein, bei denen seine Miliz zwischen 800 und 1500 Palästinenser tötete. Doch die Massaker im September 1982 waren erst möglich, nachdem die israelische Armee, die zwei Tage zuvor nach Beirut einmarschiert war, die beiden Flüchtlingslager umzingelt hatte. Verantwortlich für den Libanon-Feldzug war der damalige Verteidigungsminister Ariel Scharon, der seinerzeit von einem israelischen Untersuchungsausschuss persönlich mitverantwortlich gemacht wurde und zurücktreten musste.

Gegen Scharon wollte der 45-jährige Hobeika vor Gericht in Belgien aussagen. Das habe Hobeika am Dienstagabend bei einem Treffen mit belgischen Senatoren erklärt. Am 6. März will das Brüsseler Gericht entscheiden, ob ein Verfahren wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" gegen Scharon zulässig ist. Hobeika beteuerte, er habe "Beweise für seine eigene Unschuld" und kündigte "Enthüllungen" vor Gericht an, sagte der belgische Senator Josy Dubie der Nachrichtenagentur AFP. Allerdings habe Hobeika den Senatoren keine Einzelheiten nennen wollen. Er wolle sie für den Gerichtstermin "aufheben". Er habe ihnen gegenüber auch erwähnt, dass er sich "bedroht" fühle, sagte Dubie.

Dass Hobeika kurz vor einer eventuellen Aussage vor Gericht ermordet wurde, nährt die Gerüchte, der israelische Geheimdienst stehe hinter der professionell ausgeführten Explosion, die ihn und seine drei Leibwächter tötete. Die Bombe, die in einem geparkten Auto im christlichen Stadtteil Hazmieh deponiert war, explodierte, während Hobeika in seinem Wagen daran vorbeifuhr. Die Explosion war so stark, dass der Ex-Milizenchef 50 Meter weit aus dem Wagen geschleudert wurde.

Der Palästinenser-Vertreter in Libanon, Sultan Abul Aynain, verdächtigte am Donnerstag auch gleich den israelischen Geheimdienst Mossad, hinter dem Anschlag zu stehen. Auch der libanesische Präsident Emile Lahoud hat indirekt Israelis für den Mord verantwortlich gemacht. Die Mörder seien daran interessiert, "die öffentliche Weltmeinung von den Verbrechen abzulenken, die in den besetzten Gebieten geschehen", hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme.

Israel wies die Vorwürfe als "lächerlich" zurück. Bisher gibt es keine Hinweise auf die Täter. Auch bei den Palästinensern war der ehemalige "warlord" wegen seiner Rolle in den Massakern verhasst. Der schillernde Hobeika hatte 18 Monate nach dem israelischen Einmarsch die Seiten gewechselt und sich mit Syrien verbündet. Später war er unter anderem libanesischer Minister für Bodenschätze und Arbeit. Bei den letzten Parlamentswahlen verlor er sein Mandat. Seither widmete er sich seinen Geschäften, die scheinbar gut liefen: Immer gepflegt und im gut sitzenden Anzug fuhr der Ex-Milizenchef gern im Jaguar durch Beirut. Jetzt hat ihn wahrscheinlich seine Vergangenheit eingeholt. Und in Libanon werden möglicherweise alte Wunden wieder aufgerissen.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben