Politik : Von Doktor-Hopping keine Spur

Experte warnt vor hohen Erwartungen an das Hausarzt-Modell

Rainer Woratschka

Kaum eine Rede zur Gesundheitsreform, in der Ulla Schmidt nicht die den Hausärzten zugedachte „Lotsenfunktion“ beschwört. Wer sich dazu verpflichtet, vor dem Facharzt erst seinen Hausarzt zu konsultieren, soll bei Zuzahlungen künftig einen Bonus erhalten. Was die Ministerin verschweigt: Die Möglichkeit, diesen Bonus zu gewähren, haben die Krankenkassen seit langem, sie nutzen sie nur nicht. Vor drei Jahren schon, also noch unter Schmidts Vorgängerin Andrea Fischer, hat das Sozialgesetzbuch 5 einen entsprechenden Passus bekommen. Wörtlich: „Die Krankenkasse kann in ihrer Satzung bestimmen, unter welchen Voraussetzungen ein Versicherter, der sich verpflichtet, vertragsärztliche Leistungen außerhalb der hausärztlichen Versorgung nur auf Überweisung des von ihm gewählten Hausarztes in Anspruch zu nehmen, Anspruch auf einen Bonus hat.“ Die Höhe richte sich „nach den erzielten Einsparungen“. Nicht eine einzige Kasse habe diese Gelegenheit wahrgenommen, sagt der Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, Klaus Jacobs. Begründung: Die Kassen versprächen sich dadurch kaum Einsparungen. Erstens, weil sie den Kassenärztlichen Vereinigungen ohnehin nur Gesamtvergütungen zu bezahlen haben. Und zweitens, weil es das berüchtigte Doktor-Hopping gar nicht gebe. In einer Studie zum Start der Chipkarte (und der damit verbundenen Abschaffung der Überweisungsscheine) habe sich erwiesen, dass solche Befürchtungen „empirisch überhaupt nicht belegbar sind“. Die meisten Deutschen hätten einen Hausarzt, den sie auch als erstes konsultierten. „Wozu die Leute für etwas belohnen, was sie ohnehin schon tun?“ Jacobs warnt vor übersteigerten Erwartungen – zumal deutsche Hausärzte für die „Gatekeeper“-Funktion nicht qualifiziert seien. Schmidts Vorschlag, ihnen künftig Kopfpauschalen pro Patient zu bezahlen, sei vollends kontraproduktiv. Dies erhöhe den Reiz, möglichst viele Patienten in die Praxis zu locken und sich dort möglichst wenig mit ihnen zu befassen.

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