Politik : Von Einheit keine Spur

Verschärfte Spannungen zwischen Iraks Schiiten und Sunniten nach Anschlag auf die „goldene Moschee“

Andrea Nüsse[Kairo]

Seit dem Irakkrieg im Jahr 2003 ist regelmäßig die Rede davon, dass in dem Land ein Bürgerkrieg unmittelbar bevorstehe. Doch so groß war die reale Gefahr noch nie wie nach dem Anschlag auf den schiitischen Askarija-Schrein in Samarra vom Mittwoch. Anschließend kam es zu Ausschreitungen gegen Sunniten – schiitische Führer drohen damit, ihre Milizen zu Sicherung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit und Heiligtümer einzusetzen. Allerdings befahl der schiitische Prediger Moktada al-Sadr nach Angaben von Nachrichtenagenturen seiner Miliz, der Al-Mahdi-Armee, sunnitische Heiligtümer und Moscheen im schiitisch dominierten Süden Iraks zu schützen. Gleichzeitig boykottieren politische Parteien der sunnitischen Minderheit die Verhandlungen über eine Regierungsbildung. Sie verlangen eine Entschuldigung der schiitisch dominierten Regierung für die Ausschreitungen gegen Sunniten nach dem Anschlag auf die „goldene Moschee“ in Samarra. Die staatlichen Sicherheitskräfte hatten diese Gewaltausbrüche nicht verhindert.

„Dies könnte ein Wendepunkt sein“, fürchtet der amerikanische Irak-Spezialist Juan Cole von der Universität Michigan. Irgendwann würden die Schiiten genug haben und nicht mehr auf die Aufrufe zur Ruhe ihrer Führer hören, glaubt der Historiker, der auf einer eigenen Website die Ereignisse in Irak analysiert. Die schiitische Bevölkerungsmehrheit ist in den vergangenen Jahren durch hunderte Anschläge und die Ermordung hoher Geistlicher wie Ayatollah Bakir al-Hakim provoziert worden. Doch sie war stets der Linie des führenden schiitischen Geistlichen Ayatollah Ali Sistani gefolgt, der zu Ruhe und Kooperation aufrief. Doch nach Coles Ansicht muss selbst Sistani nach dem Anschlag auf das Mausoleum zweier schiitischer Imame in Samarra „absolut zornig“ sein. Sistani habe zu Demonstrationen aufgerufen, aber er müsse wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese Proteste friedlich verlaufen, gering sei. Doch Sistani, der als mächtigster Mann Iraks gilt, ging noch einen Schritt weiter. Er drohte indirekt damit, dass religiöse Milizen zukünftig eine größere Rolle spielen könnten. „Wenn der Sicherheitsapparat diese Krise nicht verhindern kann, dann können es die Gläubigen, mit Gottes Hilfe“, sagte Sistani in einem seiner raren Fernsehauftritte am Mittwoch. Vize-Premier Adel Abdul Mahdi äußerte sich ähnlich. Er ist Mitglied des Obersten Rates für die Islamische Revolution (Sciri), der über die eigenen Badr-Milizen verfügt. Einige Teile des Irak stehen faktisch bereits unter der Kontrolle von Milizen, weil sich die staatlichen Sicherheitskräfte nach der Auflösung der irakischen Armee durch die USA erst im Aufbau befinden.

Doch auch die Sunniten sind zornig. Sie werfen der Regierung, die von der Schiitischen Allianz und den kurdischen Parteien geführt wird, vor, sie nicht vor Übergriffen zu schützen. Ein Zusammenschluss dreier sunnitischer Parteien, die über 44 Sitze im neuen Parlament verfügen, zog sich aus den Verhandlungen über eine Regierungsbildung zurück. „Wir warten auf eine klare Verurteilung der Angriffe durch die schiitische Allianz“, sagte Rashid al-Azawi von der Iraqi Islamic Party. Seit den Parlamentswahlen am 15. Dezember ist es nicht gelungen, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden.

Und der Unmut richtet sich auch gegen die USA. Der amerikanische Botschafter im Irak, Zalmay Khalizad, hatte am Montag gedroht, den Geldhahn zuzudrehen, falls es nicht gelinge, eine breite Koalitionsregierung zu bilden. Dies war an die Adresse der religiösen schiitischen Parteien der Islamischen Allianz gerichtet, welche die stärkste Fraktion im Parlament sind. Der Führer von Sciri, Abdel Aziz al-Hakim, machte Khalizad für den Anschlag von Samarra mitverantwortlich. Er habe mit seinem Druck auf die Schiiten den „terroristischen Gruppen grünes Licht“ gegeben, lautet der Vorwurf.

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