• Von Flüchtlingskrise bis Wulff-Rücktritt: Der Politik schlägt zu viel Verachtung entgegen

Von Flüchtlingskrise bis Wulff-Rücktritt : Der Politik schlägt zu viel Verachtung entgegen

Verachtung gegenüber den handelnden Politikern führt zu nichts - egal, ob es um Euro- oder Flüchtlingskrise geht. Nötig ist echter Streit. Ein Kommentar.

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Rückendeckung sieht anders aus: Ein Mann hält beim CDU-Regionalkongress ein Plakat mit der Aufschrift "Merkel entthronen".
Rückendeckung sieht anders aus: Ein Mann hält beim CDU-Regionalkongress ein Plakat mit der Aufschrift "Merkel entthronen".Foto: dpa

Wie geht man mit Menschen um, die in Schwierigkeiten geraten? Wie beurteilt man Leute, die überfordert sind? Was denkt man von Prüflingen, die scheitern? Von Chefs, die die Nerven verlieren? Im normalen Leben würde man ihnen zur Seite eilen, würde ihnen raten, die Sache anders anzugehen, die Prüfung zu wiederholen, schlimmstenfalls aufzugeben und eine neuen Job zu suchen.

In der Politik ist das anders. Wenn Politiker heute in Bedrängnis sind, können sie vor allem eines erwarten: Verachtung. Es spielt schon keine Rolle mehr, ob nur ein Bundespräsident strauchelt, ob ein Geheimdienst seine Grenzen überschreitet oder ob eine Völkerwanderung beginnt: Es ist immer dieselbe verächtliche Haltung, die alle Bemühungen begleitet. Je aufgeregter und intensiver die Debatte über einen Sachverhalt ist, desto verletzender und dauerhafter fällt die anschließende Verurteilung der handelnden Personen aus. Die Verachtungsindustrie arbeitet immer, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Viele glauben, das liege an den kurzen Aufmerksamkeits- und Aufregungszyklen der im Innersten verunsicherten digitalen Gesellschaft. Das lasse nur noch Reflexe und niedrige Instinkte zu. Dadurch werde die Politik schlechter. Sie suche nur nach schnellen Lösungen, nicht aber nach richtigen. Ein Blick auf die Ergebnisse politischen Handelns lehrt etwas Anderes: Dass Christian Wulff zurücktrat, war am Ende richtig. Selbst wenn kein strafbares Verhalten festzustellen war – einen Bundespräsidenten, der sich von Firmen einladen und aushalten lässt, braucht das Land nicht.

Auch die großen Themen müssen zum Gegenstand des öffentlichen Streits und der lauten Auseinandersetzung werden. Die Finanz- und Eurokrise etwa hat zwar viel Geld gekostet, es wurden viele Fehler gemacht. Doch zerbrochen ist der Euro bisher nicht, die deutsche Bilanz ist geradezu glänzend. Die Auseinandersetzung darüber hat sich gelohnt. Über die Flüchtlingsfrage muss man ebenfalls streiten dürfen, natürlich. Warum soll die Suche nach vernünftigen und anständigen Lösungen nicht auch hier gelingen können? Der öffentliche Streit ist ein hohes Gut, das die Politik besser macht. Verachtung hat sie nicht verdient. Heute weniger denn je.

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