Politik : Von Freunden umzingelt

Uwe Schlicht,Stephan Blancke

Wer studiert schon bei dieser Hitze? Die Politologen haben jedenfalls, was die Arbeitsmoral betrifft, nicht gerade den besten Ruf. Und dass sie ausgerechnet dem Chef des Bundesnachrichtendienstes zuhören wollen, hätte man noch vor ein paar Jahren auch nicht geglaubt, wo sie doch einst als personifizierter Widerstand gegen das politische Establishment für jede Provokation gut waren.

Heute aber lassen sie sich das Ereignis nicht entgehen: Der Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) hat seinen Auftritt an der Freien Universität in Berlin, inklusive drei Bodyguards. Und immerhin 130 Politologen finden die Selbstdarstellung eines echten Geheimdienstlers so aufregend, dass sie sich in einem Raum des Otto-Suhr-Instituts (OSI) drängen, der eigentlich für 80 Studenten gedacht ist. Sie sitzen auf den Fensterbänken, atmen die stickige Luft und sind äußerst friedlich.

Das Thema ist akademisch-politologisch ("50 Jahre deutsche geheime Nachrichtendienste"), die Atmosphäre bleibt es auch. Dreißig Jahre zuvor wäre es unvorstellbar gewesen, dass sich der Chef eines deutschen Nachrichtendienstes, des Verfassungsschutzes oder des Staatsschutzes überhaupt in eine Berliner Universität getraut hätte. Damals, nach dem Wandel der Studentenrevolte in die Geheimbündlerei roter Zellen, kommunistischer Aufbauparteien und des beginnenden RAF-Untergrunds, diente die Universität als Rückzugs- und Rekrutierungsfeld für linksextreme Gruppen. Ihnen war die Gesellschaftsveränderung wichtiger als das Studium, und die Politologen des OSI marschierten immer an der Spitze des Fortschritts. Die Politiker antworteten nicht minder hysterisch mit einer Misstrauenserklärung an die junge Generation, als die Ministerpräsidenten unter Führung der SPD den Extremistenbeschluss fassten. In den Jahren der schärfsten Konfrontation zwischen 1972 und 1978 gab es 1,5 Millionen Routineanfragen beim Verfassungsschutz vor Einstellungen in den öffentlichen Dienst. Die Verfassungsschützer scheuten sich nicht, Studenten als Zuträger anzuwerben. Die Polizei fotografierte die Demonstranten, um Karteien mit regelmäßig auftretenden Personen anzulegen.

Wer damals mit Schlips und Jackett in den Hörsälen auftauchte und mitschrieb, galt als potenzieller Lauscher vom Verfassungsschutz. Die Kommilitonen entrissen ihm die Notizen oder setzten ihn bei Bedarf gleich an die frische Luft. 30 Jahre später wirbt BND-Chef August Hanning bei den Studenten damit, wie interessant und schön die Arbeit beim BND sein kann, besonders für Politologen. "Überdurchschnittliches Examen, Sprachenkenntnisse und Mobilität" seien selbstverständlich. Ein bisschen klingt das nach einem Job bei einem Wirtschaftsunternehmen, das im Zeitalter der Globalisierung seine Mitarbeiter in alle Welt schickt. Tatsächlich tut der BND das, wenn auch manchmal nur virtuell.

Natürlich sind da aber noch ein paar Unterschiede zwischen der Arbeit bei, sagen wir, einem Waschmittelkonzern und beim BND. Das merkt man schnell, wenn man August Hanning zuhört. Er sagt zum Beispiel Sätze wie: "Das Ende der Bipolarität hat dynamische Prozesse ausgelöst, die in den verschiedensten Regionen der Welt Erstarrungen aufgebrochen haben." Oder: "Die Auflösung der ehemaligen Sowjetunion führte in Russland und den Nachfolgestaaten der UdSSR zu dramatischen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, welche die nationale Sicherheit auch unseres Landes tangieren." Der BND beobachtet die Verwerfungen. Auch Friedensmissionen im Kosovo, lernen die Studenten, sind ohne den BND undenkbar.

Deshalb benötigt der BND "wie jedes Unternehmen junge Nachwuchskräfte mit fundierten Fach- und Sprachkenntnissen, um den aktuellen Anforderungen gerecht zu werden", sagt der Geheimdienst-Chef. Die Studenten hören August Hanning zu und denken sichtlich angestrengt über ihre begrenzten Chancen in anderen Berufen nach. Die drei Bodyguards, die eingezwängt zwischen den friedlichen Studenten sitzen, werden an diesem Tag nicht gebraucht.

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