Politik : Von Gouverneurs Gnaden

Es sollte die tausendste Hinrichtung in den USA seit 1976 sein. Aber der Verurteilte darf weiter leben

Christoph von Marschall[Washington]

Die tausendste Hinrichtung seit Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA im Jahr 1976 lässt auf sich warten. Virginias Gouverneur Mark Warner hat den verurteilten Mörder Robin Lovitt begnadigt, der ursprünglich am Mittwochabend mit der Giftspritze getötet werden sollte. Die Entscheidung hat große politische Bedeutung, da Warner als ein möglicher Präsidentschaftskandidat der Demokraten für 2008 gilt. Die Zweifel an der Todesstrafe sind in den USA gewachsen, die Zahl der Verurteilungen wie der Hinrichtungen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Das Oberste Gericht hat kürzlich die Exekution von Jugendlichen und geistig Behinderten untersagt, weitere Urteile des Supreme Court in Sachen Todesstrafe stehen an.

Warners Amtszeit endet im Januar, er hat nun zum ersten Mal in den vier Jahren ein Todesurteil in eine lebenslängliche Freiheitsstrafe verwandelt. Gegen elf Hinrichtungen war er nicht eingeschritten. Virginia ist ein Südstaat, in dem die Bevölkerung mehrheitlich für die Todesstrafe ist. Warner selbst dagegen ist ein gläubiger Katholik, der aus Prinzip Abtreibung und Todesstrafe ablehnt. Diesen Standpunkt hatte er in den Mittelpunkt des Gouverneurswahlkampfs im Herbst gestellt. Er selbst durfte zwar nicht wieder antreten, hatte aber die Kampagne seines Stellvertreters Timothy Kain unterstützt. Den Sieg am 8. November hatte Kain im Wesentlichen Warner zu verdanken, sie waren überall als Team aufgetreten. Der Erfolg galt als Strategie, wie Demokraten in Südstaaten, die eher konservativ geprägt sind, gewinnen können.

Die Begnadigung Lovitts begründete Warner jedoch nicht mit grundsätzlichen Einwänden, sondern damit, dass das Belastungsmaterial vernichtet worden war. Das nahm der Verteidigung die Möglichkeit, die Tatwaffe nochmals auf DNA- Spuren zu untersuchen. Vor Ende seiner Amtszeit will Warner entscheiden, ob das Verfahren gegen den 1992 hingerichteten Roger Coleman neu aufgerollt wird. Eine Organisation in New Jersey, die mit dem Beleg von Justizirrtümern gegen die Todesstrafe kämpft, möchte durch eine DNA-Probe beweisen, dass Coleman zu Unrecht verurteilt wurde. Warner zögert seit drei Jahren, ob er die Genehmigung erteilt. Auch die Begründung der Begnadigung Lovitts zeigt, wie riskant es für Demokraten gerade in Südstaaten ist, sich generell gegen die Todesstrafe auszusprechen. Die Stimmung in den USA ist bestenfalls geteilt – in Zeiten mit geringer Kriminalität. Nach jedem schlimmeren Gewaltakt spricht sich eine klare Mehrheit für die Todesstrafe aus.

Der heute 41-jährige Lovitt hatte 1998 in einer Spielhalle in Arlington die Kasse geraubt. Nach Zeugenaussagen und nach Überzeugung des Gerichts hat er den Wärter Clayton Dicks mit sechs Stichen getötet. Lovitt behauptet, er sei in der Zeit auf der Toilette gewesen, ein anderer Mann müsse Dicks getötet haben, er selbst habe nur die Kasse mitgenommen. In mehreren Berufungsverfahren waren Lovitts Anwälte gescheitert. Ein Mitarbeiter des Archivs für Beweismaterial hatte daraufhin die Unterlagen vernichtet, weil er, wie er sagte, Platz brauchte für neu eintreffendes Material – das Todesurteil gegen Lovitt sei zu diesem Zeitpunkt in letzter Instanz bestätigt worden. Mary Dicks, die Mutter des Opfers, zeigte Unverständnis für die Begnadigung.

Mit Hilfe von DNA-Untersuchungen ist nachgewiesen worden, dass in der jüngsten Zeit mindestens 160 Menschen in den USA zu Unrecht zum Tode verurteilt wurden, davon acht in Virginia.

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