Politik : Von Hand mit Liebe

Briefe? Mails? Dann klappern die Tastaturen, huschen Daumen über Displays. Greift heute noch jemand zu Füller und Bleistift?

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2012 Foto: dapd
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Vermutlich muss man sich doch Sorgen machen. Jedenfalls benutzen fast alle, die man fragt diese seltsam vage Zeitangabe. „Bis auf weiteres“, sagen sie, „bis auf weiteres lernen die Kinder in der Schule mit der Hand zu schreiben.“ Darüber hinaus will sich niemand festlegen. Auch Horst Bartnitzky, ehemaliger Vorsitzender des Grundschulverbandes und einer der Initiatoren der pünktlich zum Schulbeginn diskutierten Grundschrift, spricht anstatt über die ferne lieber über die nahe Zukunft. Darüber, was Eltern und Medien so anhaltend beschäftigt. Horst Bartnitzky hat die Argumente parat. Die Handschrift werde wegen ein paar Druckbuchstaben schon nicht untergehen. Im Gegenteil. Kinder werden dank der Grundschrift und ohne den Umweg über eine zweite Schrift rascher zur eigenen Handschrift finden. Der Abschied von der gemeinsamen Schreibschrift ist kein Verlust. Die Seele der Handschrift bleibt unversehrt. Alles bestens. Wir verschwenden nur ein bisschen weniger Zeit mit handwerklichen Details.

Was aber, wenn es mehr sind als Details? Wenn die knapper werdende Zeit einen Mangel an Liebe verrät? Gehen nicht mittlerweile alle davon aus, dass die Handschrift sterben wird? Eventuell könnte uns die Unterschrift bleiben, die Signatur, mit der wir uns selbst zu erkennen geben. Andererseits täte es ein biometrischer Fingerabdruck auch. „Ja“, sagt Horst Bartnitzky, „wahrscheinlich läuft es darauf hinaus.“

Also gut. Tun wir einen Moment so, als sei die Sache entschieden. Die große, digitale Medienrevolution wird die zarte Linie der Handschrift bald erledigt haben. Was aber machen wir bis dahin? Denn noch ist es ja nicht soweit. Noch verstehen wir, was „Der talentierte Mr. Ripley“ meint, wenn er, über eine Postkarte seines hoch attraktiven Freundes Dicky Greenleaf gebeugt, davon redet, dass nichts nackter sei als eine Handschrift. Wir könnten inzwischen fragen, warum das so ist? Warum verstehen wir die Handschrift eines Menschen als etwas Persönliches? Und warum kommen wir überhaupt auf den Gedanken, sie könnte uns fehlen?

Die Blicke der Kinder in der U-Bahn wissen nichts von Verlust. Sie sprechen eher von leiser Verwunderung. Ein Mensch, der mit Kugelschreiber auf einen Zettel schreibt - ungewohnt scheint das in ihren Augen zu wirken, dieses Schreibwerkzeug, das klickt, wenn man die Mine aus dem Gehäuse drückt. Der Vater tippt auf dem i Pad. Schreiben, glauben die Kinder, hinterlässt Fingerabdrücke auf dem Touchscreen. Man kauft fettlösendes Spray dagegen. Schreiben braucht Technik, einen Computer und Akkus. Niemals darf man Cola über der Tastatur verschütten.

Ob unsere Tränen über eine schwindende Kulturtechnik tatsächlich zusammenhängen mit einem Bedürfnis nach Buchstaben? Nach Tintenspuren auf unseren Fingern? Barbara Kochan, international renommierte Professorin für Grundschulpädagogik und eine Pionierin des computergestützten Schriftspracherwerbs, zweifelt daran. „Was sehen die Kinder?“, fragt sie. „Machen die Erwachsenen noch irgendwie den Eindruck, dass Schreiben von Hand ihnen wichtig ist?“ Nicht einmal in bildungsorientierten Familien sei das noch der Fall, sagt Barbara Kochan - was erwarte man also? Und warum sollte eine Handschrift für Kinder attraktiv sein, wenn wenig daran der Einmischung dient? Die Forscherin reagiert unsentimental. Die Energie für die anspruchsvolle Handmotorik werde frei für die Kognition. „Am Computer“, sagt Barbara Kochan, „kann ich Texte kneten, bis ich einverstanden damit bin, ich kann die peinlichen Missgeschicke der Schrift spurlos verschwinden lassen.“ Sie fördere das kindliche Schreiben am Monitor „ohne die Tastatur zu verherrlichen“, sagt sie. Schließlich habe die Handschrift einen ästhetischen Wert. Sie sei Ausdruck der Person und: „ein letztes Mittel der Unabhängigkeit“.

Da ist es. Beiläufig ist das entscheidende Wort von der Unabhängigkeit gefallen. Welche schöne Ironie, sich darauf zu berufen! War die Handschrift nicht lange verknüpft mit dem Anspruch, einer Norm zu genügen? Man kann an den Imperativ der „guten Handschrift“ denken, an Stockhiebe und die öffentliche Beschämung, die eine „Sauklaue“ noch Mitte des 20. Jahrhunderts bedeuten konnte.

In Preußen hatte man sich 1911 für die Schrift Ludwig Sütterlins und damit gegen den an der Kunsterziehungsbewegung geschulten Schreibstil eines Fritz Kuhlmann entschieden. Sehr bewusst hatte man den Schrifterwerb mit Anstrengung verbunden. Der Sinn für Form und Ebenmaß sei zu schulen. Senkrecht gestellt und mit absolut gleichmäßigen Längen- und Mittelbandproportionen (1:1.1) verlangte die Sütterlin-Schrift der Fingermotorik der Kinder vieles ab. Die Buchstaben hatten absolut harmonisch zu sein, hatten die Linien exakt zu treffen. Die eigene Handschrift erlernte sich in tränenreicher Nachahmung eines vorgeschriebenen Ideals.

Inzwischen lebt die Handschrift unbeachtet. Spätestens nach der Abschaffung der Schönschreibstunden in den 70ern. Sie führt eine Außenseiterexistenz am Rande unserer Aufmerksamkeit. Dort allerdings behauptet sie ihren Eigensinn.

Frage: Was ist langlebiger und zugleich schneller zu verlieren als ein handbeschriebener Zettel? Was verweigert sich dem ewigen Copy & Paste? Paparazzi lassen sich brisante Informationen auf Zetteln zustecken. Und in den Labors, ausgerechnet neben den Hochleistungsrechnern der Wissenschaft, in den Ateliers der Künste liegen sie herum: Schmierzettel, Skizzen, fragile Gedankenschnipsel.

Christopher Hoffmann, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Luzern, hat über dieses „eigentümliche Potential“ des Schreibens und Zeichnens von Hand geforscht. „Wirklichkeit auf Papier“ nennt er es. Kunst und Wissenschaft werden „so bald nicht darauf verzichten“. Das Schreiben mit der Hand, das Skizzieren bilden nach Hoffmann „Mittel eines Wissens im Entwurf“. Sie haben den Rang eines „epistemischen Verfahrens“ und sind als solche tief in kreative Denk- und Lösungswege verstrickt. Man kann sie nicht abschneiden, ohne den Weg selbst empfindlich zu schädigen. Bleistifte spielen, wer hätte das gedacht, „heute in der Neurophysiologie bei der Modellierung dreidimensionaler Simulationen“ eine Rolle.

Sie tun es außerdem im Schreibzimmer Alexander Kluges. „Ja, ich schreibe alles mit der Hand.“ Die Antwort, selbstbewusst und ohne die mindeste Not zur Erklärung, spiegelt die Arroganz des technischen Fortschrittsglaubens wider. Warum um Himmels Willen sollte es nicht mehr möglich sein, ein großes Werk von Hand und in zartester Bleistiftschrift zu schreiben?

Weich ist der Bleistift, und an seinem Ende trägt er ein kleines Radiergummi mit sich herum. „Dabei radiere ich nie“, sagt Kluge. Der Fluss des Schreibens würde gestört. Das Schreiben müsste nach der Radier-Pause dem Gedanken hinterherhetzen. Es würde den Gedanken niemals wieder einholen. Ein zu hohes Risiko. „Der weiche Bleistift“, sagt Alexander Kluge, „folgt dem Gedanken als einziger schnell genug.“ Der Gedanke taucht auf, der Bleistift nimmt ihn zu sich. Die Verbindung sei „körperlich“ und begann auf riesigen Packpapierbögen in der Schule. Die Lehrerin ließ „uns so groß schreiben, wie wir wollten“, sagt Kluge. Die Geburt einer Handschrift braucht Platz. Raum für all die beteiligten Muskeln und Gelenke der Schulter, des Arms, für das Handgelenk und die Finger. Lateinvokabeln überträgt das Kind Alexander, um sie sich besser zu merken.

Vokabeln. Erste Briefe auf dem Kopfkissen („Liebe Mama, sei mir nicht mehr böse!“). Nachrichten („Bin ins Kino.“). Die Handschrift führt als Weg nach draußen und tief in das eigene Selbst. Sie zittert vor Anspannung, ändert manchmal ihre Gestalt, dass man glaubt, die eigene Erregung vor sich auf dem Papier zu sehen. Zur Not kann sie trösten. „Warte, ich erklär es dir“, hatte die Mutter gesagt und auf die Rückseite des Kuverts, in dem bis eben die Stromrechnung gesteckt hatte, die erste Zeile der Mathegleichung gezeichnet. „So schlimm kann es gar nicht sein, wenn man es einfach hinschreiben kann“, hatte das Mädchen gedacht und sich die verheulte Nase geputzt.

Nah ist die Handschrift, ein eminenter Teil der Geschichte unseres Bewusstseins. Sie ist das „Rückgrat des ältesten Mediensystems“ der Menschheit, und das Verrückte an ihr ist, dass man sie trotz ihres immensen Alters mit jedem Schriftzug neu vor sich entstehen sieht. Ihr Ursprung liegt in Mesopotamien. Schriftgelehrte datieren ihn Ende des vierten Jahrtausends vor unserer Zeit. Das älteste bekannte Schreibsystem, die Keilschrift, findet sich 3100 v.Chr. Erste Hieroglyphen-Inschriften 3100-3000 v.Chr. in Ägypten. Auf Tonscherben, auf Papyrus und in Stein wurde die Schrift geritzt, gemeißelt und gemalt. Das Material, so die Ägyptologin Aleida Assmann, bestimmt die Schriftsysteme dabei wesentlich mit. „Für den Stein“, schreibt sie, „ist die Hieroglyphenschrift erfunden worden.“ Die Inschrift in Stein erhob Anspruch auf Ewigkeit. Im Vergleich dazu steht die Papyrusrolle „am anderen Ende der Aufschreibesysteme“. „Leicht und behänd“ wurde die Schrift auf diesem pflanzlich gewonnen Träger der Schrift. Sie löst sich aus ihrer massiven Verankerung, verschlankt sich, nimmt Tempo auf und schmiegt sich dem Erzählen an.

Ein elitäres Medium ist sie gewesen. Was schriftlich fixiert wurde und bis zur Druckerpresse Gutenbergs notwendig mit der Hand fixiert wurde, gehörte damit zum Kanon der Überlieferung. Der Akt des Aufschreibens selbst war Nobilitierung. Bis ins hohe Mittelalter lebt die Handschrift als Herrschaftswissen hinter Palastmauern und den Skriptorien der Klöster. Sie ist ein Geheimnis, das nur Eingeweihte kennen und lesen dürfen. Zugleich trägt sie eine tiefe Sehnsucht in sich, Raum- und Zeitgrenzen zu überschreiten. „Sie ist das universellste und zugleich flüchtigste aller Dinge“, formulierte der große Orientalist David Diringer. Sie als „Instrument“ zu bezeichnen komme einer maßlosen Untertreibung gleich. Göttlich dachten die Alten sich den Ursprung der Schrift. Erschaffen durch Isis, Thoth oder den griechischen Gott Hermes. Letzterer bietet sich an. Immerhin handelt es sich manchmal um die Schrift eines Diebes.

70 mutmaßlich gefälschte Überweisungsanträge liegen auf dem Tisch. Gerhard Grube hält einen davon mit einer Pinzette ins Licht. Da habe jemand ziemlich dick aufgetragen, netterweise mit Kugelschreiber! Der leitende Schriftsachverständige der größten kriminaltechnischen Abteilung Deutschlands ist hoch erfreut. Ein Traum von einem Schreibgerät, so ein Kugelschreiber! Wie herrlich unregelmäßig sich die Schreibpaste verteilt! „An den Actionpoints“, sagt Grube, dort wo der Körper eingreift ins Geschehen, da entscheide sich das Schicksal.

Der Fälschung fehlt es hier nämlich an Mut. Ihr fehlen die „tollen harmonischen Bewegungen, die Wahnsinnskurven“. Lichtjahre entfernt sei das von jeder Perfektion. Die Schönheit der Schrift braucht den Körper des Schreibers. Erst wenn der Rhythmus stimmt, werde die Schrift schön. Wenn jener in vielen Schuljahren eingeübte und meist um die Zeit der Pubertät etablierte Automatismus einsetzt, der es erlaubt, die eigene Unterschrift - winzig, mittel oder auch riesengroß - in gleicher Zeit zu schreiben. Die Hand lässt los. Ein Fälscher dagegen muss sich kontrollieren und von der Wahrheit der eigenen Handschrift fern- halten. Mag sein, er rückt die i-Punkte zu nah an das i, oder die Druckrille beim S und B scheint seltsam vertieft. Der Fälscher musste stoppen, sich neu orientieren. Unter dem Mikroskop kann man sich anschauen, wie sich die Schrift am Papier festklammert als drohe sie zu stürzen. Kein Zweifel, die Identität ist angemaßt. Die Schrift ist nicht bei sich selbst.

Dabei will sie das: Sie selbst sein. „Jeder Mensch“, sagt Gerhard Grube, „kann eine individuelle Handschrift entwickeln.“ Vorausgesetzt er lernt zu schreiben und versucht, nicht zu prahlen. Es geht um Identität, oder um Nichtidentität beim LKA. Um die Echtheit, nicht um Eigenschaften des Charakters. Ob jemand schlau ist oder dumm, jähzornig oder dem Sex verfallen, das kann niemand aus einer Handschrift lesen. Der gerichtserfahrene Schriftexperte Gerhard Grube, dem es ausgesprochen leidtäte um das Schreiben von Hand, schüttelt lässig den Kopf. Soll die Graphologie behaupten, was sie will. Keine einzige Metastudie gibt ihr recht. Man könne nicht einmal entscheiden, sagt Grube, ob die Schrift einem Mann gehöre oder einer Frau.

Die Handschrift wahrt ihre Geheimnisse. Sie ist persönlich, aber sie denunziert nicht. „Ihre Ausstrahlung“, sagt Eef Overgaauw, Leiter der Handschriftenabteilung der Stadtbibliothek zu Berlin, „liegt ganz im Auge des Betrachters.“ Menschen weinen vor Ergriffenheit, wenn sie Mozarts Briefe sehen. „Musik für das Auge“ hat man Handschriften genannt. Gefragt nach der Schönheit einer Handschrift, antwortet der Paläologe, ausgebildet an den Universitäten von Leiden und Paris, zunächst wissenschaftlich. „Ihre Bedeutung als Quelle macht ihre Schönheit aus.“ „Bedenken Sie“, sagt Eef Overgaauw in freundlichstem niederländischem Akzent, „dass alles, was vor der Erfindung der Schreibmaschine im 19. Jahrhundert geschrieben und nicht gedruckt wurde, mit der Hand geschrieben wurde.“ Kodizes, Briefe, alte Chroniken, Verwaltungslisten. Für unser Wissen von der Vergangenheit sei die Handschrift von einzigartigem Wert. Kennern wie Eef Overgaauw nimmt gerade diese Erfahrung die Angst vor dem Verlust. Die Frage nach den digitalen Schreibgewohnheiten seiner Mitmenschen lässt ihn jedenfalls ungerührt, und es ärgert ihn nicht, dass ein Freund aus dem Urlaub computergeschriebene Postkarte schickt.

Jemand, der täglich historische Handschriften liest, der ihre vergilbten Seiten behutsam umblättert, ist gefeit vor dem Vergessen. Er weiß um die Speicherkapazitäten der Handschrift, und wie eigentümlich sie beschaffen sind. Für ihn, den Historiker, bleibt die Handschrift ein Königsweg, für uns andere etwas, das wir „bis auf weiteres“ nicht verlernen.

Vielleicht also dies. Nur eine Möglichkeit. Es zwingt uns niemand, sie zu verlassen. Wir könnten hin und wieder üben. Das Wort hat ein höheres spezifisches Gewicht, wenn man es mit der Hand notiert. Es steht ruhiger und provozierend einsam da. Keine Rechtschreibhilfe, kein Wortfindungsprogramm kommt uns zur Hilfe. Allein unserer Unabhängigkeit zuliebe und aus Gründen der Sportlichkeit sollten wir ein wenig trainieren. Wir könnten aber auch einfach kritzeln und träumen. Wir könnten unserer Hand beim Schreiben zusehen, als wäre sie eine Fremde und mit ihr allein sein. Wer weiß, wohin es führt? Obendrein könnten die Stromkosten steigen. Leute könnten ihren alten Schulfüller aus der Schublade kramen und Gefallen daran finden, wie mühelos die Tinte heute noch aus der Feder läuft. Sie könnten ein Schreibwarengeschäft betreten und - wie um das Wort auszuprobieren - nach einem Bleistift fragen.

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