Politik : Von Kabul nach Aschaffenburg

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Von Frank Jansen

Die amerikanischen und deutschen Sicherheitsbehörden sind alarmiert: 1500 Kämpfer hat die von Osama bin Laden geführte Terrororganisation Al Qaida nach eigenen Angaben aus Afghanistan herausbringen können. Eine entsprechende Erklärung der Al- Qaida-Führung druckte kürzlich die in London erscheinende arabische Zeitung „Al Hayat“. Was da zu lesen war, „müssen wir sehr ernst nehmen“, sagt der Erste Direktor des Bundeskriminalamts, Manfred Klink. Die 1500 Mann verstärkten das schon mehrere tausend Kämpfer umfassende Terror-Netzwerk in den arabischen Ländern, in Amerika und in Westeuropa.

Klinks Äußerung auf dem 5. Europäischen Polizeikongress am vergangenen Dienstag in Bonn wird jedoch noch übertroffen. Der Publizist und altgediente Terrorexperte Rolf Tophoven spricht gar von 2000 bis 3000 „hardcore terrorists“, die sich dem Zugriff der US-Armee bei den Kämpfen um den Bunkerkomplex Tora Bora in Ostafghanistan entzogen hätten. Ein Experte des Bundesnachrichtendienstes versucht, Tophovens Angaben zu relativieren. Die Zahl von 2000 bis 3000 entkommenen Terroristen sei vermutlich zu hoch, sagt Hans J. Beth, der im BND die Abteilung „Internationaler Terrorismus und Organisierte Kriminalität“ leitet. Beth berichtet allerdings von mehreren Fluchtrouten der aus Afghanistan entweichenden Al-Qaida- und Taliban-Kader. Neben den Nachbarstaaten Pakistan und Iran gilt Saudi-Arabien als bevorzugtes Zielland. Der BND vermutet außerdem, die Gotteskrieger wollten sich nach Irak, Syrien, Libanon, Georgien, Kaschmir, Jemen und Somalia absetzen. Dank des Einsatzes der Bundesmarine am Horn von Afrika sei jedoch verhindert worden, dass sich in Jemen und Somalia ein neues Terrornetzwerk etablieren konnte, sagt Beth.

Zunehmend problematisch erscheint dagegen die Lage in Südostasien. Auf der indonesischen Insel Sulawesi gibt es nach Erkenntnissen des BND Lager militanter Islamisten, die mit bin Laden in Verbindung stehen. Beobachtet werden auch Al-Qaida-Aktivitäten in Malaysia, Singapur und Burma.

Die amerikanischen Sicherheitsbehörden haben indes vor einem weiteren Versuch von Al-Qaida-Kämpfern gewarnt, in Europa und Amerika einzusickern. Demnach sind im April in der pakistanischen Hafenstadt Karachi sechs Kleingruppen potenzieller Selbstmordattentäter aufgebrochen. Vier Terroristen, dirigiert von dem Äthiopier Mohammed Qaisim Hanaf, seien in Richtung USA unterwegs; drei Mann unter der Führung eines Türken mit dem n Murtaza in Richtung Kanada. Weitere drei, dirigiert von einem Ägypter namens Ahmad Nasir, wollten nach Großbritannien. Der Palästinenser Abdul Azim und ein weiterer Islamist bewegten sich in Richtung Italien. Der Jordanier Sheikh Vaqad Ben Abbas sei mit einem Mann auf dem Weg nach Deutschland. Wohin der Sudanese Abd Al Karim Sabet und ein zweiter Islamist reisen, ist unbekannt.

Die deutschen Sicherheitsbehörden geben sich jedoch zurückhaltend. Es fehlten wesentliche Informationen, um die von den sechs Gruppen ausgehende Gefahr bewerten zu können. Der niederländische Inlandsnachrichtendienst BVD registriert unterdessen Versuche von Al-Qaida-Leuten, als Asylbewerber oder illegal Einreisende Fuss zu fassen. Gewarnt wird auch vor Islamisten, die in holländischen Moscheen Jugendliche für den Dschihad werben, den Heiligen Krieg.

Unklar bleibt, wo die Mehrheit der 30 Afghanen geblieben ist, die Anfang März in der Slowakei festgenommen worden waren. Die eingeschleusten Männer beantragten Asyl und verschwanden kurz darauf aus ihrer Unterkunft. Sechs Afghanen sind in die Bundesrepublik gelangt. Drei wurden nach Aufnahme ihrer Personalien nach Österreich „zurückgeschoben“, ein Afghane hält sich in Aschaffenburg auf. Die beiden anderen Männer sind untergetaucht.

Unterdessen hat Generalbundesanwalt Kay Nehm ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche islamistische Terroristen eingeleitet. Die Beschuldigten sollen sich zeitweilig in Berlin aufgehalten haben. Festnahmen gab es nicht. Mit den Ermittlungen hat Nehm das Bundeskriminalamt betraut. Die Islamisten zählen vermutlich zum Terrornetzwerk der „non-aligned Mujahedin“. Dabei handelt es sich um Kämpfer, die in Afghanistan trainiert worden sind und anschließend in Europa eigene Zellen gebildet haben, um Anschläge zu begehen.

Laut BKA resultiert das Verfahren aus den Ermittlungen gegen die „Meliani“-Gruppe. Fünf Mitglieder müssen sich derzeit vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wegen eines geplanten Anschlags in Straßburg verantworten. Ein weiteres Mitglied der Gruppe, Mohamed Bensakhria alias „Meliani“, hatte in Berlin zwei konspirative Wohnungen unterhalten. Bensakhira wurde 2001 in Spanien verhaftet und nach Frankreich ausgeliefert.

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