Politik : Von links an die Macht

Ecuador wählt einen neuen Präsidenten

Sandra Weiss[Caracas]

Er ist schwer einzuordnen: weder von der Küste noch aus dem Hochland, mittelmäßig attraktiv, ein Kritiker der Dollarisierung, an der er um der Stabilität willen trotzdem festhalten will, und ein erklärter Freund des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez mit moderaterem Anstrich. Den Umfragen zufolge hat Rafael Correa, der sich selbst im linken politischen Spektrum verordnet, gute Chancen, nächster Präsident Ecuadors zu werden.

Das einst für seine Stabilität bekannte Andenland durchlebt seit Jahren eine schwere wirtschaftliche und politische Krise. Sieben Präsidenten wurden in zehn Jahren verschlissen, meist noch vor Beendigung ihrer Amtszeit durch Volksaufstände aus dem Amt gejagt. Die Dollarisierung brachte nach Hyperinflation zwar Währungsstabilität, kostete die heimische Wirtschaft aber auch Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze und heizte die Migration weiter an.

Wie auch in den Nachbarländern Peru, Bolivien und Venezuela haben in Ecuador die Altparteien ausgedient. Korruption und Misswirtschaft kosteten sie Legitimität, und die Bevölkerung wartet nach fast drei Jahrzehnten Demokratie noch immer auf eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. 20 Prozent gelten als extrem arm. Dieses politische Vakuum ermöglichte Correa, dem charismatischen 43-jährigen in den USA ausgebildeten Wirtschaftswissenschaftler und Ex-Finanzminister, einen kometenhaften Aufstieg in den Umfragen. Die platzieren ihn inzwischen an erster Stelle noch vor dem Sozialdemokraten Leon Roldos und dem rechtspopulistischen Bananenkönig Alvaro Noboa, die beide schon mehrfach kandidierten und in dieser Kampagne nicht viel Neues zu bieten hatten. Abgeschlagen scheint der Kandidat der Indigenas, die in der Vergangenheit mehrere Volksaufstände anzettelten und in der vorigen Wahl den siegreichen, aber inzwischen ebenfalls gestürzten Ex-Offizier Lucio Gutierrez mit an die Macht brachten.

Die politische Landschaft scheint damit einmal mehr polarisiert und fragmentiert, was Konsensfindung und Stabilität auch in Zukunft schwierig machen dürfte – egal, wer den Sieg davonträgt.

Correa hat es verstanden, der Wählerschaft Hoffnung auf einen Neuanfang zu geben. Bewusst stellte er keine Liste mit Parlamentariern auf und ersparte sich damit das unschöne Postengeschacher im Vorfeld der Wahl. Stattdessen versprach er, sofort eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen, um das Andenland auf ein neues Fundament zu stellen. Er will die Auslandsschulden neu verhandeln, die Verträge der Erdölmultis neu aushandeln und ist erklärter Gegner des Freihandelsvertrags mit den USA und der US-Militärpräsenz in Ecuador. Weil er darüber hinaus auch noch Chavez nahe steht, gilt er in Washington als Problemkandidat.

Die USA kämpfen seit einiger Zeit mit einem rapiden Image- und Einflussverlust in Lateinamerika, während Chavez eine antiamerikanische Achse schmiedet, der bisher Kuba und Bolivien sowie mit Einschränkungen die Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay) angehören. Entsprechend bezeichnet der rechte Noboa seinen Gegner als „kommunistischen Teufel“.

Sollte Correa tatsächlich den Sieg davontragen, ist fraglich, wie viele seiner Versprechen er in die Realität umsetzen kann. Schon sein Vorgänger Gutierrez war mit einer linken Plattform angetreten, hatte dann jedoch schnell mit der Oligarchie paktiert, die den Kongress und die Wirtschaft kontrollierte. Ohne politische Basis ist Correa auf die direkte Unterstützung des Volkes angewiesen, was dem Populismus den Weg ebnet. Zwar verfügt das Land durch den Export von Erdöl und Bananen über Devisen, ist jedoch hoch verschuldet. Die staatliche Gesellschaft Petroecuador gilt außerdem als ineffizient. Und der jüngste Rauswurf der US-Ölfirma Occidental wegen Vertragsbruch wird derzeit vor einem internationalen Schiedsgericht verhandelt. Er könnte das Land eine Milliardenentschädigung kosten.

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