Von Mark Zuckerberg bis Susanne Klatten : Millionenspenden helfen nicht allein

Großspenden bekannter Milliardäre sorgen für Schlagzeilen. Dennoch bleiben traditionelle Stiftungen auf lange Sicht wirksamer - trotz Niedrigzinsen. Ein Gastkommentar.

Michael Göring
Facebook-Chef Mark Zuckerberg will Milliarden spenden
Facebook-Chef Mark Zuckerberg will Milliarden spendenFoto: dpa

Die Welt der Gemeinnützigkeit wandelt sich. Seit Jahrhunderten zählen Stiftungen zu den tragenden Säulen der von privater Hand gestalteten Philanthropie. Da sie aber in der Regel ihre Zwecke allein aus den Erträgen des Stiftungskapitals finanzieren und das Kapital selbst nicht angreifen dürfen, gerät dieses Modell nach acht Jahren zinsarmer, inzwischen zinsloser Zeit in eine schwierigere Lage.

Die Unternehmerin und Quandt-Tochter Susanne Klatten hat entschieden, ihre 100 Millionen-Euro-Großspende ohne Stiftungsbindung über eine Beratungsfirma an den Mann und an die Frau zu bringen. Auch Mark Zuckerberg will seine 45 Milliarden Dollar nicht über eine Stiftung den gemeinnützigen Zielen zuführen. Beide betonen dabei vor allem die maximale Wirksamkeit ihres Engagements, und so könnte der Gedanke entstehen, als hätten Stiftungen ein Problem mit der Wirksamkeit. Eine solche Schlussfolgerung wäre verfehlt.

Die Variante der „Verbrauchsstiftung“ gibt es bereits

Stiftungen sind beständig in Bewegung. Von den 21.000 Stiftungen in Deutschland sind 10.000 in den vergangenen 14 Jahren gegründet worden, sind also bei aller Tradition der Rechtsform junge Einrichtungen. Vor 15 Jahren entstanden die ersten „Bürgerstiftungen“, bei denen sich jeweils Gruppen von Bürgern zusammentun, die Zeit und Geld spenden, um bottom up in ihrer Stadt zu wirken.

Und auch zur klassischen „Ewigkeitsstiftung“ gibt es jetzt eine Alternative: War es bis vor kurzem gesetzt, dass Stiftungen auf Dauer angelegt sind und nur die Erträge des Kapitals verwendet werden dürfen, so hat der Gesetzgeber vor drei Jahren bundeseinheitlich die Variante der „Verbrauchsstiftung“ zugelassen. Hier kann der Stifter beispielsweise entscheiden, jährlich immer eine feste Summe oder auch fünf Prozent des eingesetzten Kapitals für die gemeinnützigen Zwecke zu verwenden, auch wenn die Erträge allein dies nicht hergeben. Dann geht die Förderleistung zwar zu Lasten des Kapitals und die Stiftung „verbraucht“ sich, aber sie zeigt über Jahre hinweg hohe Förderkraft. Ohnehin ist für viele Stifter derzeit der Ewigkeitscharakter einer Stiftung nicht mehr so attraktiv wie für frühere Generationen. Kurz- und mittelfristig hohe Wirkung zu erzielen, scheint heute angemessener zu sein als Langmut und Dauer.

Schaut man allerdings genauer auf die langfristige Wirksamkeit, punktet die traditionelle Ewigkeitsstiftung ungemein. Zwei Beispiele: 1316 stiftet das Ehepaar Johannes und Mergadis von Steren in Würzburg ein Haus, Grund und einen Weinberg für ein Spital, das seitdem kontinuierlich besteht. Heute unterhält diese Stiftung Pflegeheime, Altersheime, ein Geriatriezentrum und Tagesbetreuung für demente Mitbürger. Welch eine Wirkung hat sich da über 700 Jahre aus dem stifterischen Akt von 1316 entfaltet!

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Mark Zuckerberg mit Axel-Springer-Award ausgezeichnet
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Ziele dürfen nicht kurzfristig bemessen werden

200 Jahre später, 1521, stiftet Jacob Fugger in Augsburg die Fuggerei, eine Sozialsiedlung für 130 in Not geratene, bedürftige Augsburger Familien. Die Fuggerei wird zum Vorbild, steht geradezu am Beginn des sozialen Wohnungsbaus und besteht bis heute.

Hohe Wirksamkeit gemeinnützigen Handelns ist ein wichtiges Ziel. Sie darf aber nicht allein kurzfristig gesehen oder kurzfristig gemessen werden, darf nicht zu einem utilitaristischen Begriff verkommen. Die vielen jungen Stiftungen der letzten zehn Jahre, aber auch viele große „Schiffe“ der deutschen Stiftungsszene experimentieren immer wieder mit neuen Formen gemeinnützigen Handelns, gehen Kooperationen ein, engagieren sich bei der Vermögensanlage in mission investing, etablieren eigene Einrichtungen. Da ist es gut, wenn Sozialinvestoren wie Mark Zuckerberg oder Susanne Klatten unsere Gesellschaft durch ihre Vorstellungen von Philanthropie weiter bereichern. Geht es aber darum, ein solches Engagement dauerhaft weiterzuentwickeln und nachhaltig wirken zu lassen, auch über den Tod des Mäzenen hinaus, ist die traditionelle Stiftung als Wirkungsform unschlagbar. Auch in zinslosen Zeiten wie unseren haben sich 600 Stifterinnen und Stifter im vergangenen Jahr genau für dieses Instrument der Philanthropie entschieden.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes deutscher Stiftungen und Vorstandsvorsitzender der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius.

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