Politik : Von nun an

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Sie ist es. Die erste Frau, die Deutschland führt. Und Angela Merkel ist gewählt in einer Weise, die hinreichende Geschlossenheit zeigt – eine, die dieser großen Koalition angemessen ist. Die erste Prüfung ist bestanden. Wohlan denn, ans Werk.

Es ist ein großes. Dieser Tag, ihr erster, zeigt dem Ganzen seinen Sinn. Eine Christdemokratin wird in ihm auch die Aufforderung zur Demut verstehen, Demut vor dem Amt, vor den Menschen, für die sie es ausübt. Und die Ehrung einer Abgeordneten zu Beginn der Sitzung wies unabsichtlich darauf hin: Mitten im Leben vom Tod umfangen zu sein, wie der Reformator Johannes Calvin zitierte, ergänzt den Begriff „Mitten im Leben“, mit dem die CDU 1999 unter der Generalsekretärin Merkel für sich warb. Für dieses Leben, für große und kleine Verbesserungen, müssen sie von jetzt an arbeiten, die Kanzlerin und ihre Koalitionäre.

Calvins Lehre, das zur Erklärung, enthält als einen zentralen Punkt, dass die Menschen an ihrer Fähigkeit zu strengster Pflichterfüllung erkennen können, ob sie zum Heil vorbestimmt sind. Ganz so schwer soll man Merkels Schultern nicht beladen. Aber es ist ja ein historischer Tag, und da darf man das Augenmerk darauf lenken: Calvins Überlegungen führten auch zu dem Arbeitsethos, das die Grundlage für das Gewinnstreben im Kapitalismus bildete. Diesen Zusammenhang hat übrigens 1904 der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Max Weber entdeckt. Jener Weber, der immer wieder gern mit dem Satz zitiert wird, wonach Politik das Bohren dicker Bretter sei.

Sage jemand, das passe nicht auf diesen Tag! Da beginnt etwas. Die Aufgabe lädt alles auf. Natürlich wünscht sich keiner Calvins Härte, aber das Arbeitsethos und das Beherzigen der Lehre Webers. Die Wahrheit ist konkret, Genosse – das hat Merkel einmal an die Adresse des Kanzlers gesagt, und daran werden nicht allein die Genossen, sondern wird sie, die Kanzlerin, zu messen sein. Die Wahrheit ist eine Beinahe-Pleite des Staates, die mit gemeinsamer Anstrengung abgewendet, zum Positiven gewendet werden muss. Nie war dazu eine „Wende“ nötiger, politisch-technisch und gesellschaftlich-inhaltlich.

Pragmatismus ist kein Staatsziel, kann aber nicht schaden. Nur muss er einhergehen mit der geduldigen Erklärung dessen, wofür zu arbeiten sich lohnt; denn die Arbeit kann nicht alleine von der Regierung verrichtet werden. Dafür muss diese Koalition eine Koalition mit den Menschen eingehen. Rechts und links, Union und SPD, haben sich versöhnt, jetzt müssen sie sich auch noch mit uns, dem Volk, versöhnen. Deutschland muss nun endlich zu der Bürgergesellschaft werden, die Gerhard Schröder in einer Aufwallung von Staatsphilosophie einmal versprach. Karge Zahlen sind kein Ersatz, Nüchternheit ist keine Tugend – Wahrhaftigkeit schon. Wahrhaftig ist, dass die neue Regierung aufbaut auf dem, was die rot-grüne hinterlässt. Nicht alles ist trist. Wenigstens ist die Gesellschaft darauf eingestimmt, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor, dass Veränderungen Alltag sind.

Dafür ist Angela Merkel wie keine gewappnet. Sie stammt aus dem Osten, wo es eine Revolution gegeben hat. Die Offenheit für Neues war den Ostdeutschen Notwendigkeit, grundlegend aufzubauen wurde ihnen zur Pflicht. Und die Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen, in Frage zu stellen, Lösungen jenseits der Parteigrenzen zu suchen. Aber lassen wir uns jetzt überzeugen, dass wir mitten im Leben vom Leben umfangen sind. Und dass wir es schaffen können.

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