Politik : Von wegen Chaos

Rom muss einen beispiellosen Pilgerstrom bewältigen. Bisher reagiert die Hauptstadt souverän

Paul Kreiner

Einmal war George W. Bush schon da, am Freitag zur Beisetzung kommt er wieder. Sechs Minuten lang kniete er vor dem aufgebahrten Papst im Petersdom, dann krachten die Helikopter wieder los, und seither hören sie nicht auf, lärmend über der Stadt zu kreisen.

Die Beerdigung Johannes Pauls II. wird zu einem Politikertreffen ersten Ranges; entsprechend groß ist die Nervosität der italienischen Sicherheitsbehörden. Für die Anreise der Politiker aus aller Welt – eigentlich fehlt nur ein Vertreter der Volksrepublik China – haben sie den römischen Flughafen Ciampino stillgelegt. Allein 110 Sonder-Staatsmaschinen werden erwartet; mit mindestens 60 weiteren reisten zusätzliche offizielle Delegationen an. Der Luftraum über der Stadt ist weiträumig gesperrt. Abwehrraketen sollen rings um Rom in Stellung gebracht worden sein; hoch über allem wacht nicht nur das Auge Gottes, sondern zur Sicherheit auch noch ein Awacs-Flugzeug der Nato, und nicht nur am Militärflughafen Pratica di Mare, am Meer gleich südlich von Rom, stehen Abfangjäger bereit. „Die Herausforderung dieses Tages“, sagt Innenminister Giuseppe Pisanu, „hat in der Geschichte nichts Vergleichbares. Ich hoffe, der Papst hilft uns vom Himmel aus.“

Heute, am Tag der Beerdigung Johannes Pauls II., steht Rom komplett still. Innerhalb des Autobahnrings um die italienische Hauptstadt herum, also im gesamten Stadtgebiet, ist jeder private Autoverkehr verboten. Die Einwohner der Stadt, die dem Gedränge entrinnen wollen, haben nicht einmal die Möglichkeit, Rom zu verlassen. Den Autobahnring selbst zu benutzen, davon rät die Polizei dringend ab: Man braucht weite Teile des 60 Kilometer langen Asphaltbandes als Parkplatz für Busse und Lastwagen.

In Rom schließen heute alle Schulen und die meisten Büros; Krankenhaus-Termine, auf die manche Patienten bis zu vier Monate gewartet haben, sind ungewiss. Ausflüge in die Parks der Stadt werden ungemütlich: Überall stehen Polizei und Überwachungsfahrzeuge.

Mehr als zwei Millionen Menschen haben seit Montag dem toten Papst die letzte Ehre erwiesen. Wartezeiten von 12 bis zu 15 Stunden waren keine Seltenheit. Schon am späten Mittwochabend sollte die Besucherschlange deshalb geschlossen werden; am Donnerstag machte der italienische Zivil- und Katastrophenschutz sie des Andrangs wegen wieder auf. Zuletzt waren hauptsächlich Polen eingetroffen. Ungefähr eine Million Landsleute Johannes Pauls II. sind nach amtlichen Schätzungen aus Warschau unterwegs; viele, die sich die offiziellen Pilgerbusse nicht leisten konnten, haben sich per Anhalter nach Rom durchgeschlagen – mit Reisezeiten von bis zu fünf Tagen.

Gemecker und Kritik sind so gut wie gar nicht zu hören: Wen immer man in der Besucherschlange fragt, das Lob für die italienische Organisation – oder Chaos-Bewältigung – ist einhellig. Noch am Mittwochabend hatte der Chef des Zivil- und Katastrophenschutzes, Guido Bertolaso, einen flehenden Appell über alle Sender des italienischen Fernsehens losgelassen: „Leute, kommt nicht nach Rom herein, die Stadt verträgt keine Pilger mehr.“ Gefruchtet hat’s nicht viel. Offizielle Schätzungen besagen, dass heute, zur Beerdigung, vier Millionen Pilger in der Stadt sein werden – zusätzlich zu den 2,7 Millionen Einwohnern, die Rom zu normalen Zeiten schon hat, und doppelt so viele, wie beim Weltjugendtag 2000, dem größten Happening des Heiligen Jahres, über die Ewige Stadt hereingebrochen sind. Damals aber, sagt Zivilschutz- Chef Bertolaso, habe man ein Jahr Zeit für die Vorbereitungen gehabt, „jetzt mussten wir alles innerhalb von 48 Stunden stemmen“.

Dabei werden die meisten Pilger heute nicht die geringste Chance haben, auf den Petersplatz zu kommen; und die meisten werden sogar gänzlich außerhalb Roms gehalten. „Nur“ 300000 Menschen werden auf dem Petersplatz persönlich die vorletzte Station des so weit gereisten Papstes miterleben können. Zu den letzten Metern Johannes Pauls II. übrigens werden nur ganz wenige zugelassen: die Kardinäle und die Bischöfe, die den Bestattungsritus feiern. In die Grotten unter dem Petersdom folgen dem Papst nicht einmal die Fernsehkameras. Das hat es noch bei keiner Reise Johannes Pauls II. gegeben.

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