• Vor dem CDU-Spendenausschuss will Kanther korrekt wirken. Im Sinne der Aufklärung ist das eher unergiebig

Politik : Vor dem CDU-Spendenausschuss will Kanther korrekt wirken. Im Sinne der Aufklärung ist das eher unergiebig

Robert Birnbaum

Max Stadler sieht immer ein bisschen aus wie ein gutmütiger Boxer, aber heute schleicht der FDP-Abgeordnete eher wie eine Katze um den heißen Brei. Manfred Kanther hört unbewegten Gesichts zu, wie ihn der liberale Innenpolitiker an lange Jahre gemeinsamer Arbeit in der Regierungskoalition erinnert, wie Stadler Fairness und Kollegialität Kanthers hervorhebt, um dann endlich zu der eigentlichen Frage zu kommen: "Ist es nicht möglich, dass Sie ein Mehr an Verantwortung übernommen haben, als Ihnen zuzurechnen ist?"

Stadler war mal Staatsanwalt und Richter. Er weiß, wie man Leute vor Gericht durch den Appell an ihre guten Seiten aufs Glatteis führen kann. Aber Kanther war mal Bundesinnenminister. Der weiß, worauf Stadler hinaus will: Dass nämlich vielleicht doch nicht nur der Ex-Landesvorsitzende Kanther, sein Ex-Schatzmeister Casimir Prinz Wittgenstein und der Wirtschaftsberater Horst Weyrauch von den Schweizer Schwarzen Kassen der Hessen-CDU gewusst haben. "Das ist nicht der Fall, Herr Abgeordneter", lautet die kühle Replik.

Es ist ein Kanther, wie man ihn kennt seit vielen Jahren, der da am Freitag vor dem Spenden-Untersuchungsausschuss des Bundestages sitzt. Dunkelblauer Anzug, das weiße Haar korrekt gescheitelt, ein Heftordner mit Unterlagen in Plastikhüllen liegt links oben auf dem Tisch, ein Notizblock für die einführende Aussage genau vor ihm. Was sie von diesem Zeugen erfahren - genauer: nicht erfahren - würden, ist den Abgeordneten schon nach den ersten Sätzen klar. "Die hessische CDU hat alle Vorkommnisse nach allen ihren Kräften aufgeklärt", sagt Kanther. Es habe keine verdeckte Spendensammlung gegeben, an keinem der Beteiligten sei "auch nur ein Pfennig" kleben geblieben, niemand habe Schaden erlitten, nur in den Rechenschaftsberichten sei ein Millionenvermögen nicht ausgewiesen gewesen.

Was den damaligen Generalsekretär im Jahr 1983 bewogen hat, gemeinsam mit dem schatzmeisternden Prinzen die Kriegskasse der Hessen-CDU außer Landes zu schaffen, erklärt der Parteisoldat Kanther so: "Der Grund für diesen Transfer war die damalige Spendenaffäre." Die Staatsbürgerliche Vereinigung war als Spendenwaschanlage aufgeflogen, der Flick-Skandal zog Kreise. Aus alledem habe er die Hessen-CDU heraushalten wollen. Das leuchtet den Abgeordneten so recht nicht ein: Wenn es doch legales Geld gewesen sei, warum dann die Geheimaktion? Kanther sagt: "Ich vermute, dass ein riesiges Fragenkarussell losgegangen wäre: Wo stammt dieses Geld her?" Das ist in der Tat eine der ungeklärten Fragen der Affäre. Zu ihrer Beantwortung trägt Kanther nichts bei: Er wisse es nicht. Nur dass es nicht der Kassenrest der aufgelösten Staatsbürgerlichen Vereinigung war, da ist er sich wiederum ganz sicher.

Auch sonst ist die Vernehmung im Sinne der Sachaufklärung eher unergiebig. "Es trübt sich die Erinnerung nach so langer Zeit", sagt der Zeuge. Zum Beispiel, was die Summen angeht: An sieben, acht, neun Millionen Mark könne er sich erinnern - dass es tatsächlich 20 Millionen waren, habe er bis Ende 1999 nicht gewußt. Auch davon, dass zuletzt noch gut 17 Millionen Mark in der Schweiz schlummerten, will der 1998 ausgeschiedene Landeschef nichts gewusst haben: Er sei davon ausgegangen, dass die Schwarze Kasse 1995 erschöpft gewesen sei. Weshalb er dem Nachfolger Roland Koch erst gar nichts davon erzählt habe.

Mehr erfährt der Ausschuss nicht. Und wenn irgendjemand geglaubt hat, einen reumütigen Sünder besichtigen zu können - ebenfalls Fehlanzeige. "Ich stehe doch nicht an, einen großen Fehler einzugestehen" ist das Äußerste. Ein Fehler, ein einziger, der "nachfolgende Fehler gezeugt" hat. Aber die haben sich ja dann sozusagen logisch unvermeidlich ergeben: Falsche Rechenschaftsberichte, die Sache mit den angeblich jüdischen Vermächtnissen, die der Schatzmeister erfunden hat, um das Schwarzgeld wieder weiß waschen zu können: "Ich bin davon ausgegangen, dass es sich bei den so genannten Vermächtnissen um Rücktransfers handelte."

Er hat halt geglaubt, die Sache werde nicht rauskommen. Sechs Wochen lang hat Manfred Kanther am Ende des letzten Jahres "eine Bedenkzeit in Anspruch genommen", ob er den schon im Ansatz ruchbar gewordenen Vorgang beichten soll oder nicht. 1993, als er zum Innenminister berufen wurde, zum Hüter der Verfassung und der Gesetze, hat er nicht im Traum daran gedacht. "Wenn ein Vorgang zehn Jahre lang geschlummert hat", schildert Kanther seine damaligen Gedanken, "dann war meine Hoffnung, dass dieses vertraulich bleibt."

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