Politik : Vor dem Klimagipfel: Luftnummer

Elke Windisch

Wie mit Verkäufern von Luft zu verfahren ist, hat Hoca Nasreddin schon vor über 700 Jahren vorgeführt: Als ein Kebap-Koch dem Robin Hood des ehemals sowjetischen Mittleren Ostens ans Geld wollte, weil der sein Fladenbrot über den Bratrost hielt, um den Duft des Fleisches aufzufangen, holte der ein paar Münzen aus der Hosentasche und ließ sie dicht am Ohr des Koches klimpern.

Zum Thema Rückblick: Der gescheiterte Klimagipfel in Den Haag Nun droht eine Neuauflage der Luftnummer. Nur geht es diesmal nicht um Bratenduft, sondern um Treibhausgase. Ergänzungen zum 1997 unterzeichneten Kyoto-Protokoll, mit dem die Emissionen weltweit gesenkt werden soll, sehen vor, dass Länder, die ihr Abgas-Limit ausgeschöpft haben, von industriell schwach entwickelten und weniger motorisierten Staaten Quoten kaufen können.

Ein Kuhhandel, der Russland langfristig Entlastung an der Schuldenfront verschaffen würde. Moskau hat daher bereits durchblicken lassen, dass Parlament und Regierung die Ratifizierung der Kyoto-Protokolle vor allem von Möglichkeiten zum Verkauf seiner Emissionsquoten abhängig machen werde und schon bedauert, dass durch den Ausstieg der USA als größtem potenziellen Anbieter von Emissionsrechten der Markt erheblich kleiner geworden ist. Nun konzentrieren sich Sondierungen auf die EU. Allein Deutschland kommt bei Hochrechnungen auf einen Überschuss von gut acht Prozent. Wie die Zeitung "Moskowskije nowosti" berichtete, verhandelt die Bundesrepublik daher seit drei Jahren mit Moskau intensiv über Möglichkeiten einer ökologischen Bilanztrickserei.

Welche Mengen zur Diskussion stehen, ist bislang geheim. Experten des russischen Senats behaupten allerdings, der Quotenschmu solle Deutschland ohne Senkung der gegenwärtig produzierten Kohlendioxid- und FCKW-Gase in zehn Jahren ein Polster von plus ein Prozent bescheren. Russische Umweltschützer halten nach und fanden heraus, dass noch die Kohl-Regierung Russland 1998 flächendeckende Stilllegungen von Rüstungsbetrieben empfohlen hatte, um das von Deutschland gewünschte Öko-Klassenziel zu erreichen. Offizielle Stellen in Moskau wiegeln ab: Es seien keine Verhandlungen geführt worden, sondern lediglich Sondierungsgespräche. Bisher scheiterte eine einvernehmliche Lösung vor allem an unterschiedlichen Preisvorstellungen: Russland nannte die damals von Bonn angebotenen 100 Dollar pro Tonne Treibhausgase Dumping und besteht inzwischen auf mindestens 150 Greenbacks.

Die Sache hat jedoch noch einen weiteren Haken: Russland hat momentan einen Spielraum von plus/minus Null. Daher setzt Moskau vor allem auf Dreiecksgeschäfte mit anderen GUS-Staaten. Heftig umworben werden die Ukraine, Kasachstan und Usbekistan, die ihre Quoten bisher nur zu zwei Drittel ausschöpfen. Klappt der Deal, macht Moskau ein Bombengeschäft. "Moskowskije nowosti" schätzt allein die Reserven der Ukraine auf rund 100 Millionen Tonnen. Kiew aber würde, wie das Blatt behauptete, schon bei 19 Dollar pro Tonne Treibhausgase mit sich reden lassen.

Kasachstan macht aus seiner Empörung keinen Hehl, und Kiew verhandelt inzwischen auf eigene Faust mit potenziellen Käufern. Nach Hochrechnungen eines Beamten im ukrainischen Umwelt- und Atomministerium, der namentlich nicht genannt sein wollte, rechnet Kiew mit dem Quotenverkauf auf Einnahmen von sechs bis sieben Milliarden Dollar jährlich. Sie sollen vor allem zur Beseitigung von Folgen der Tschernobyl-Katastrophe eingesetzt werden. Das wiederum schreckte Australien auf, das ebenfalls freie Kapazitäten hat und die neue Einnahmequelle durch Billigkonkurrenz aus der ehemaligen Sowjetunion massiv bedroht sieht.

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