Vor dem Klimagipfel : Zwei Grad plus

Kohlendioxid ist nicht der einzige Einflussfaktor auf das Klima. Was passiert, wenn natürliche Schwankungen dazukommen?

Ralf Nestler
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Berlin - Zwei Grad Celsius, größer soll die Temperaturzunahme bezogen auf den Beginn der Industrialisierung nicht ausfallen. Mit diesem Ziel reisen viele Teilnehmer des Gipfels nach Kopenhagen. Sollte das Limit nicht eingehalten werden, drohen gravierende Klimaänderungen mit weitreichenden Folgen wie Missernten, Flutkatastrophen, und Dürreperioden bis zu blutigen Verteilungskämpfen um Wasser und Nahrungsmittel.

Es sind aber keine zwei Grad mehr, die wir noch Platz haben auf dem globalen Durchschnittsthermometer. Um 0,8 Grad ist es schon gestiegen seit 1750. Um weitere 0,8 Grad wird es steigen, würden wir sofort mit dem Verbrennen von Kohle, Erdöl und Erdgas aufhören. Denn die Vorgänge in der Atmosphäre sind ziemlich stabil, es dauert Jahrzehnte bis nennenswerte Mengen Kohlendioxid (CO2) von Meeren und Vegetation aus der Lufthülle entnommen sind. Ein Spielraum von gerade einem halben Grad bliebe uns, bis wir ein Leben für acht oder neun Milliarden Menschen ohne CO2-Ausstoß organisiert haben. Optimistischen Schätzungen zufolge ist das bis 2050 zu schaffen.

Umgerechnet heißt das: In den nächsten 40 Jahren dürfen wir weltweit noch 750 Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen. Dann würden wir das Zwei-Grad-Ziel mit 66-prozentiger Sicherheit schaffen, sagen die Computer. Dafür müssten die Emissionen noch vor 2015 ihren Höhepunkt erreichen und dann massiv zurückgehen. Zum Vergleich: 2008 lagen die weltweiten Emissionen trotz Krise bei 36 Milliarden Tonnen.

Diese Rechenspiele basieren allerdings auf der Annahme, dass die globale Erwärmung fast ausschließlich vom steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre getrieben wird. Also zwei Grad menschengemachte Erwärmung über einem Grundrauschen der natürlichen Klimavariation. Der Blick in die Erdgeschichte zeigt jedoch, dass die natürliche Schwankung durchaus beträchtlich sein kann. Dazu muss man gar nicht Jahrzehntausende oder Jahrmillionen zurückgehen – aufgrund der ungleich größeren Zeitspannen sind urzeitliche Klimawechsel ohnehin nur bedingt mit dem heutigen zu vergleichen.

Zwei junge Beispiele finden sich in den Chroniken unserer Vorfahren, die mittelalterliche Klimaanomalie von etwa 900 bis 1200 sowie eine kleine Eiszeit von 1400 bis 1700. Die erste Phase verlief in Europa unterschiedlich: Im Mittelmeerraum ging es im Vergleich zum Ende des 20. Jahrhunderts um mehr als ein halbes Grad rauf, in unserer Gegend ein halbes Grad runter. Das zeigen Temperaturrekonstruktionen, die US-Forscher um Michael Mann vergangene Woche im Fachjournal „Science“ präsentierten. Die Wissenschaftler stützen sich dabei auf Jahresringe an Bäumen, Daten aus Eiskernen, Korallen und Sedimenten.

Zwei Dinge sind bemerkenswert. Trotz deutlicher regionaler Änderungen blieb die Durchschnittstemperatur auf der Nordhalbkugel etwa gleich, besser gesagt: ausgeglichen. Es muss also allerhand passieren, um den globalen Mittelwert zu verändern. Und der CO2-Ausstoß der Menschen dürfte mit den Schwankungen vor tausend Jahren kaum etwas zu tun haben. Dahinter stecken, vereinfacht gesagt, eine stärkere Sonnenaktivität und vergleichsweise geringer Vulkanismus zu jener Zeit. Die kleine Eiszeit nach 1400 zeigt weltweite Abkühlung um einige Zehntelgrad, wobei der Kälteeinbruch in Russland und Zentraleuropa wesentlich deutlicher war. Wieder steckte, neben weiteren Faktoren die Sonne dahinter. Dieses Mal war ihre Aktivität geringer.

Ausgehend von solchen Befunden sagen Wissenschaftler wie Reinhard Hüttl vom Potsdamer Geoforschungzentrum (GFZ): „Das Zwei-Grad-Ziel ist wichtig, aber wir können nicht garantieren, dass wir allein mit einer Reduktion der Treibhausgasemissionen dieses Ziel schaffen.“ Dazu wisse man zu wenig über die natürlichen Schwankungen des Klimasystems, die unverändert weitergehen. „Es ist zu kurz gedacht, wenn man meint nur mit der Stellschraube der CO2-Emissionen das Klimaproblem lösen zu können“, sagte der Chef des GFZ im November auf einer Fachtagung in Berlin. Daraufhin gab es Kritik von Kollegen. Weniger aus fachlicher Sicht, sondern eher weil es „ungeschickt“ sei, vor Kopenhagen die klare Linie zu verwässern. So schreiben etwa vier Professoren aus Deutschland und der Schweiz in einem Positionspapier: „Klimaforschende Geowissenschaftler stellen sich gegen alle Argumente, die unter Hinweis auf die Komplexität des Systems oder auf die großen Klimaschwankungen der Erdgeschichte vom gegenwärtigen CO2-Problem ablenken.“

Hüttl wird nicht müde zu betonen, dass er die CO2-Reduktion unterstützt und auf einen Erfolg in Kopenhagen hofft. „Aber das allein genügt nicht, wir müssen ebenso Anpassungsstrategien an den Klimawandel entwickeln, weil die Temperaturerhöhung schon heute in einigen Regionen die Zwei-Grad-Marke überschritten hat.“ Dämme, Deiche, neue Nutzpflanzen verstehen sich von selbst. Hüttl denkt aber auch an Geoengineering, etwa das Verteilen von Sulfatteilchen in der Atmosphäre, die wie ein Sonnenschirm die ankommende Strahlung teilweise ins All reflektieren. Solche Techniken solle man ergebnisoffen prüfen. „Wir leben in einer technisierten Welt, und die hat auch oft unsere Probleme gelöst“, sagt Hüttl. Was er nicht sagt: Die Probleme waren oft Folgen des technischen Fortschritts.

Anders im Fall der natürlich schwankenden Sonnenaktivität, die an der gegenwärtigen Temperaturentwicklung auf der Erde kaum beteiligt ist. In den vergangenen Jahren war unser Zentralgestirn sogar ausgesprochen ruhig.

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