Politik : Vor dem Ramadan die nackte Angst

Nach dem Anschlag auf die Assad-Riege rechnen die Bewohner von Damaskus „mit allem“.

Roueida Mabardi (AFP)

Damaskus - Noch nie seit Jahrzehnten hat sich der am Freitag beginnende Fastenmonat Ramadan in Damaskus so düster angekündigt wie jetzt. Nach dem tödlichen Anschlag auf das Machtzentrum der syrischen Führung und angesichts der anhaltenden schweren Kämpfe hat Furcht die Hauptstadt ergriffen. „Die Leute haben Angst. Nach dem Attentat rechnen sie mit allem“, sagt ein fliegender Händler im zentral gelegenen Bab-Tuma-Viertel. „Gestern gab es einen einfachen Verkehrsunfall, und schon stoben die Menschen in Panik in alle Richtungen auseinander.“

Im angrenzenden Stadtteil Kassaa ist die Stimmung ähnlich. „Nach dem Anschlag haben die Händler ihre Läden dicht gemacht“, sagt der Schneider Nidal. Ein Kaufmann pflichtet ihm bei: „Die Leute sind furchtsamer geworden.“ Am Mittwoch waren Vertreter des engsten Führungszirkels um Präsident Baschar al-Assad durch einen Anschlag in Damaskus getötet worden, darunter Verteidigungsminister Daud Radschha und sein Stellvertreter Assef Schaukat, ein Schwager des Staatschefs.

Der islamische Fastenmonat ist in islamischen Ländern eigentlich Anlass für große Familientreffen und ausgedehnte Einkaufstouren. Doch nicht erst seit Mittwoch gehört die Gewalt in Damaskus zum Alltag. Seit Sonntag beschießen sich Regierungstruppen und bewaffnete Rebellen in der Hauptstadt. Hunderte Bewohner flüchteten am Donnerstag laut Menschenrechtsaktivisten aus den umkämpften Vierteln.

„Was für ein Ramadan soll das werden bei diesen Kämpfen im Herzen der Stadt?“, fragt ein Tuchhändler im Gewerbeviertel Salhie. „Der Ramadan fällt dieses Jahr aus, meine drei Brüder sind im Gefängnis“, sagt der Taxifahrer Amer.

In Damaskus scheint das sonst übliche Leben vielerorts zum Stillstand gekommen zu sein. „Es riecht nach Blut“, sagt ein Bewohner. Kämpfe gibt es auch in dem wegen seiner Restaurants geschätzten Viertel Midan unweit des historischen Stadtzentrums.

„Wir leben in Angst“, sagt eine Bewohnerin des feinen Viertels Masse. „Wegen des ständigen Beschusses können wir nicht fliehen, und wir fürchten uns davor hierzubleiben.“ Viele Straßen der Hauptstadt sind von Sicherheitsleuten und Soldaten gesperrt. Um zu ihrer Arbeit zu kommen, müssen die Menschen Umwege machen. Taxis sind selten. Bis zum großen Krankenhaus von Dummar bei Damaskus hat es nach Angaben eines Krankenpflegers nur ein Viertel des Personals geschafft.

Der im Außenbezirk Dscharamana lebende Angestellte Samir hat beschlossen, Frau und Kinder in die Küstenstadt Tartus zu schicken, wo er sie sicher glaubt. „Dieses Jahr denkt ohnehin niemand an den Ramadan“, sagt er. Roueida Mabardi (AFP)

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