Politik : Vor der Heilung kommt der Schmerz (Leitartikel)

Alfons Frese

Respekt: Zwar nicht mit begeistertem Schwung, aber immerhin ziemlich sicher haben die beteiligten Gewerkschaften eine weitere Hürde auf dem Weg zur Dienstleistungsgewerkschaft Verdi genommen. Der angepeilte Zusammenschluss von ÖTV und DAG, Postgewerkschaft, IG Medien und Handel, Banken, Versicherungen ist der größte Fusionsprozess in der Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Am Ende soll der neue Riese die Interessen von 3,2 Millionen Arbeitnehmern vertreten. Kann das gutgehen?

Die Fusion ist mehr oder weniger aus der Not geboren. Die Gewerkschaften stecken in der Krise. Die zeigt sich an Symptomen wie Mitgliederschwund, erbärmlichem Organisationsgrad in der Jugend sowie bei Angestellten und in den Zukunftsbranchen. Eine zunehmende Aversion gegenüber Flächentarifverträgen sowie eine insgesamt schrumpfende gesellschaftliche Akzeptanz unterminieren Macht und Möglichkeiten der Arbeitnehmerverbände. Also schließen sich die kleiner und bedeutungsloser werdenden Organisationen zusammen. Seit 1996 ist die Zahl der im Deutschen Gewerkschaftsbund DGB vertretenen Einzelgewerkschaften von 16 auf zwölf gesunken. Ob überhaupt und gegebenenfalls wofür künftig noch der DGB gebraucht wird, ist offen. Grundsätzlich vollzieht sich auf beiden Seiten des traditionellen Gegensatzpaares von Arbeit und Kapital derselbe Prozess: zusammengehen, um nicht unterzugehen. Und hier wie da ist keineswegs ausgemacht, dass das Kalkül aufgeht.

Entscheidend ist erst einmal das Mitziehen der Mitarbeiter. Deshalb sind immer Versprechungen über die Sicherheit der Arbeitsplätze zu hören: Die Fusion soll selbstverständlich Synergien bringen, also Kosten sparen, aber die Jobs nicht gefährden. In den fünf Verdi-Gewerkschaften sind rund 5000 Personen beschäftigt. Diese hauptamtlichen Gewerkschafter müssen die von den Gewerkschaftsbossen beschlossene Fusion schließlich umsetzen. Also gibt es eine Beschäftigungsgarantie - zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem die neue Organisation funktioniert. Zuvor jedoch werden sich die Spitzenfunktionäre ihren Arbeitsplatz zu sichern suchen: Wer bekommt welchen Posten in der Riesengewerkschaft? Die hauptamtlichen Betriebs- und Personalräte und die Mitglieder insgesamt sind ferner eine unsichere Größe. Reicht die Organisation in 13 so genannte Fachbereiche als Dezentralisierungsstrategie aus, damit sich die Basis in der neuen Organisation zu Hause fühlt? Realistisch ist wohl, dass Verdi eher weniger sein wird als die Summe seiner fünf Teile: Austritte sind wahrscheinlicher als die Akquisition zusätzlicher Mitglieder. Auch deshalb, weil der neuen Gewerkschaft ein überzeugendes zukunftsweisendes Leitbild fehlt. Zu sehr haftet den Gewerkschaften inzwischen das Image der Besitzstandswahrer und Fortschrittsverhinderer an, die auf den entfesselten Kapitalismus keine angemessenen Antworten finden.

Darin liegt die tragische Komponente des Verdiprojekts: zumindest kurzfristig forciert es innergewerkschaftliche Konflikte, statt sich auf Zukunftsentwürfe für die Interessenvertretung der Arbeitnehmer zu konzentrieren. Die IG Metall beispielsweise verbittet sich den Zugriff auf ihre angestammte Klientel. Das gibt noch ein Hauen und Stechen: wer darf wo Mitglieder werben, welche Gewerkschaft stellt Listen auf für Betriebsrats- und Aufsichtsratswahlen? Das alles muss nicht schlecht sein. Vielleicht entsteht dadurch, was der Name verspricht: eine Dienstleistungsgewerkschaft, die tatsächlich als Dienstleister für ihre Mitglieder funktioniert.

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