Vor der Türkei-Reise von Angela Merkel : Das alltägliche Überleben in Gaziantep

Kanzlerin Merkel reist dorthin, wo die Flüchtlinge nicht zu übersehen sind. Die Syrer in Gaziantep kämpfen mit den Folgen des nicht endenden Krieges.

Eine Familie in Gaziantep.
Eine Familie in Gaziantep.Foto: dpa

Der „Wolken-Markt“ in der südosttürkischen Stadt Gaziantep ist ganz auf die Bedürfnisse von Syrern ausgerichtet. Die meisten Kunden sind Flüchtlinge aus dem nahen Nachbarland. In dem Gemischtwarenladen gibt es Wasserpfeifen ebenso wie spezielle Sesamkörner, Brühwürfel-Packungen sind arabisch beschriftet, Parfüms mit dem seltsamen Markenlabel „I love phone“ werden angeboten. Das Geschäft laufe schlecht, sagen die aus der syrischen Frontstadt Aleppo stammenden Verkäufer - was beileibe nicht am Mangel an Flüchtlingen liegt, sondern an deren Mangel an Geld.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will am Samstag Gaziantep besuchen. Jeder im „Wolken-Markt“ - der unerklärliche Name prangt in roten Lettern am Eingang - hat davon schon gehört. Die vier Angestellten in dem Laden mit der sonderbar anmutenden Markenbezeichnung wissen auch Bescheid über den Flüchtlingspakt der EU mit der Türkei, der Menschen wie ihnen den Weg nach Europa versperren soll. Kritik oder gar Wut darüber äußert keiner der resigniert erscheinenden Syrer. An die große Wirkung des Deals glauben sie aber auch nicht, selbst wenn derzeit deutlich weniger Flüchtlinge als zuvor auf den griechischen Inseln ankommen.

„Viele Leute warten in Izmir darauf, einen Weg zu finden, um nach Deutschland und Europa zu kommen“, sagt der 24-jährige Mohammed Dibo. „Sie werden nicht aufgeben. Sie werden Schmugglern mehr Geld zahlen, damit sie einen Weg finden.“ Dibos Vater hat es noch vor dem Abkommen - mit dem die Türkei sich zur Rücknahme der Flüchtlinge von den griechischen Insel verpflichtet hat - nach Deutschland geschafft. Wo der Vater jetzt lebe? „Hertha Berlin“, antwortet Dibo.

Die Geschichten, die im „Wolken-Markt“ erzählt werden, zeugen jede für sich von dem Drama, das der nicht endende Krieg über die Menschen gebracht hat. Dibo wollte bald heiraten, doch nun, so klagt er, komme seine Verlobte nicht wieder aus Syrien heraus. Sie sei als Flüchtling in der Türkei registriert und habe nur kurz zurückgewollt, um Verwandte zu besuchen. Dann schloss die Türkei die Grenze.

Dibo sagt, seine Tante sei nicht als Flüchtling registriert gewesen und daher abgeschoben worden. Ankara streitet Vorwürfe von Menschenrechtlern ab, die der Türkei Abschiebungen nach Syrien vorwerfen. Der 35-jährige Verkäufer Mohammed Redscheb erzählt, wie sehr er seinen elfjährigen Sohn vermisst, der mit dem Großvater nach Europa geflohen sei, während er selber noch in Aleppo ausharrte.

Dschamila Hamu will einkaufen im „Wolken-Markt“, als sie den Reporter erblickt und verzweifelt fragt: „Wie kommt eine Mutter nach Deutschland, deren Kinder alle schon dort sind?“ Die 50-Jährige zeigt ein Handyfoto vom Ausweis eines Sohnes, „Aufenthaltsgestattung“ steht auf dem Papier, „Oberbergischer Kreis“. Ihre sechs Kinder - die meisten davon bereits erwachsen - seien über die Ägäis geflohen, sagt die Frau aus Kobane, Tränen laufen über ihr Gesicht. Sie würde ihnen gerne folgen. Jeden Tag gehe sie deswegen zum UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. „Da sagen sie nur, wir können Ihnen nicht helfen.“

Das Problem mit dem Ausweis

Nicht nur ihre persönlichen Tragödien müssen die Syrer in Gaziantep bewältigen, sondern auch das alltägliche Überleben. Viele klagen, dass es immer schwerer werde, von den Behörden das „Ausweisdokument zum temporären Schutz“ zu bekommen - und dass Mittelsmänner Geld verlangten, um dabei zu „helfen“. Mit diesem Flüchtlingsausweis sind Syrer offiziell registriert. Nur dann können sie sich kostenlos medizinisch behandeln lassen und ihre Kinder zur Schule schicken.

Registrierten Syrern erlaubt die türkische Regierung inzwischen, eine Arbeitserlaubnis zu beantragen. Die Hürden dafür sind aber nur extrem schwierig zu überwinden. Die allermeisten Flüchtlinge halten sich daher mit Schwarzarbeit über Wasser. Das dulden die Behörden zwar, die Bezahlung beträgt aber oft nicht einmal die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohnes. Gleichzeitig sind in Gaziantep die Mieten durch den Zuzug der vielen Flüchtlinge dramatisch gestiegen.

Auf knapp zwei Millionen Türken in der Provinz kommen nach Angaben der Behörden inzwischen mindestens 340 000 syrische Flüchtlinge, von denen nur 50.000 in Camps leben und versorgt werden. Das führt zwar auch zu sozialen Spannungen, aber die Solidarität der Türken mit den Schutzsuchenden überwiegt. „Es ist schwierig für uns“, sagt die Türkin Inci Kilinc, die einen Frisiersalon betreibt. „Aber ich weiß, dass es auch für sie schwierig ist. Man muss ihnen helfen.“

Wenige Meter von dem Frisiersalon entfernt hat der Syrer Ibrahim al Chalef seine Familie untergebracht, in einem schäbigen Ladenlokal, weil das billiger als eine Wohnung ist. Das Schaufenster ist mit Decken abgehängt. Hinter dem Sichtschutz leben die Eltern, die kleinen Zwillinge und die Tochter in einem zwölf Quadratmeter kleinen Raum. Davon abgetrennt ist ein Klo, eine Dusche gibt es nicht. Waschwasser wird mit einem Tauchsieder im Eimer warm gemacht.

Al Chalef sagt, in Syrien habe er Lastwagen gefahren, in einem Haus gewohnt und ein Auto besessen. Jetzt komme er mit Fabrikarbeit kaum über die Runden. Einen Flüchtlingsausweis habe er nicht bekommen, die Polizei habe ihn weggeschickt, daher gehe die achtjährige Tochter Meryem nicht zur Schule. „Sie ist den ganzen Tag zu Hause, wie im Gefängnis“, sagt er. „Für mich ist dieser Raum auch ein Gefängnis.“

Dennoch ist der 37-Jährige voll des Lobes für die Türken. „Sie sind sehr hilfsbereit“, sagt er. „Alhamdulillah“, Gott sei Dank, fügt seine Ehefrau leise hinzu. Die Familie ist dankbar, dass ihr zumindest ermöglicht wird zu überleben.

Das sehen sie im „Wolken-Markt“ genauso. „Nicht einmal die Araber haben ihre Türen für uns geöffnet“, sagt Verkäufer Mohammed Sahid. „Aber die Türken haben uns aufgenommen.“ Der 30-Jährige aus Aleppo will zwar nicht in der Türkei bleiben. Er wolle aber auch nicht in die EU fliehen, sagt er. „Ich will zurück nach Hause.“ (dpa)

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