Vor G-20-Treffen in Hamburg : Warum Deutschland Pandemien bekämpfen will

Deutschland will die Gefahren durch ansteckende Infektionskrankheiten zum Schwerpunkt des G-20-Treffens machen. Warum es so wichtig ist, dass sich die Weltgemeinschaft dagegen wappnet.

Die schottische Krankenschwester Pauline Cafferkey arbeitete in Sierra Leone in einem Ebola-Krankenhaus. Später erkrankte sie selber an der Viruskrankheit.
Die schottische Krankenschwester Pauline Cafferkey arbeitete in Sierra Leone in einem Ebola-Krankenhaus. Später erkrankte sie...Foto: dpa

Weil die Weltgemeinschaft nicht ausreichend gegen die Ausbreitung hochansteckender Krankheiten gewappnet sei, will Bundeskanzlerin Angela Merkel das Thema nun zu einem Schwerpunkt der deutschen G-20-Präsidentschaft machen. Bei dem Treffen der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer am 7. und 8. Juli in Hamburg soll die Vorbereitung auf derartige Pandemie-Gefahren eine zentrale Rolle spielen. Zwei Monate vorher kommen in Berlin erstmals die G-20-Gesundheitsminister zusammen, um ein entsprechendes Krisenszenario durchzuspielen.

Was ist der Anlass für die Pandemie-Initiative der Kanzlerin im Rahmen der G20?

Zum einen sicher die unüberhörbaren Warnungen von Wissenschaftlern, auch und gerade im Zusammenhang mit der Ausbreitung von immer mehr resistenten Keimen. Zum andern die Erfahrungen mit zwei Pandemien in jüngster Zeit: der Schweinegrippe im Jahr 2009 bis 2010 und dem Ebolafieber 2014 bis 2016. Der Ebola-Ausbruch in Westafrika habe gezeigt, dass die internationalen Organisationen nicht ausreichend vorbereitet gewesen seien, sagte Merkel am Mittwoch bei einer Veranstaltung im Kanzleramt, sie hätten nur sehr schwerfällig reagiert. „Unter heutigen Verhältnissen wären wir als Weltgemeinschaft nicht besonders gerüstet“, warnte Merkel mit Hinweis auf die Spanische Grippe, die nach dem Ersten Weltkrieg bis zu 50 Millionen Todesopfer gefordert hatte. Zudem würden die Risiken von Antibiotika-Resistenzen „massiv unterschätzt“. Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom Mai vergangenen Jahres sind derzeit lediglich 65 von 193 Staaten einigermaßen imstande, Seuchen zu registrieren und wirksam zu bekämpfen.

Welche Rolle spielte die Warnung von Microsoft-Gründer Bill Gates vor der Bedrohung durch neue Pandemien?

Sie hat die Notwendigkeit eines gemeinschaftlichen Vorgehens noch einmal drastisch verdeutlicht. Der Milliardär, der selber eine Stiftung zur Seuchenbekämpfung betreibt, warnte bei der Münchner Sicherheitskonferenz davor, dass ein hochansteckender Erreger binnen eines Jahres 30 Millionen Menschen töten könne. Und mit einiger Wahrscheinlichkeit könne es nach Expertenaussagen schon in den kommenden zehn bis 15 Jahren dazu kommen. Dass Gates dies vor Militärs und Sicherheitspolitikern kundtat, dürfte kein Zufall gewesen sein. Erstens sind sie im Zweifelsfall einflussreicher als bloße Gesundheitsexperten. Und zweitens können Pandemien auch über Terroranschläge und Biowaffen-Angriffe ausgelöst werden. Merkels Vorstoß ist dennoch keine Reaktion auf den Gates-Auftritt. Und auch die Ankündigung der neuen US-Regierung, sich international weniger kooperativ zu zeigen und Zahlungen an die Vereinten Nationen zu kürzen, hat ihn nicht beeinflusst. Der G-20-Schwerpunkt wurde schon 2016 geplant. Er ist quasi die Fortsetzung der deutschen G-7-Präsidentschaft vor zwei Jahren, bei der die Kanzlerin neben den üblichen Wirtschaftsthemen auch erstmals die Gefahren durch Antibiotika-Resistenzen, Tropenkrankheiten und Ebola ins Zentrum gerückt hatte.

Was ist überhaupt eine Pandemie?

Wörtlich ist eine Pandemie eine Krankheit, die das ganze Volk (griechisch: „pan“ und „demos“) erfasst. Als Pandemien werden heute aber ansteckende Krankheiten bezeichnet, die sich rasch ausbreiten und dabei nicht an den Grenzen von Staaten und Kontinenten haltmachen. „Epidemien“ sind eher regional begrenzt. Besonders groß ist die Gefahr einer Ausbreitung, wenn der genetische Subtyp eines Virus für das körpereigene Immunsystem neu ist und (noch) kein Impfschutz besteht. Ein solcher Fall wurde im Jahr 2009 befürchtet, als ein Influenza-A-Virus vom Subtyp H1N1 auftauchte, das unter dem Namen „Schweinegrippe“ Schlagzeilen machte. Allerdings kam es entgegen ersten Befürchtungen am Ende doch nur zu meist recht milden Krankheitsverläufen. Und erstaunlicherweise erkrankten ältere Menschen, bei denen eine echte Grippe oft mit lebensbedrohlichen Komplikationen einhergeht, auch recht selten.

War die Schweinegrippe tatsächlich so gefährlich oder hat man sie überschätzt?

Das prominenteste Beispiel einer tödlichen Influenza-Pandemie ist die Spanische Grippe von 1918, der 25 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die „Schweinegrippe“ wurde auch deshalb als Bedrohung empfunden, weil ihr Erreger mit dem von 1918 verwandt ist. Im Nachhinein ist man schlauer. „Es war letztlich eine eher moderate Grippewelle, nicht die gefürchtete Killer-Pandemie", sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin. Entsprechend stieß im Nachhinein die Bevorratung mit den Medikamenten Tamiflu (Wirkstoff: Oseltamivir) und Relenza (Zanamivir) für einen Großteil der Bevölkerung auf heftige Kritik: Die Mittel sollten nach einer Ansteckung die Symptome abmildern und die Krankheitsdauer verringern. Im Jahr 2014 zeigte eine Auswertung verschiedener Studien durch Forscher der Cochrane-Gruppe allerdings, dass die positiven Effekte dieser Medikamente sehr gering sind. Da – anders als bei Infektionen mit Bakterien – Antibiotika gegen Viren nicht helfen, bietet bei der Influenza nur eine Impfung wirksamen Schutz. Auch das ist aber ein Problem, denn die Viren, die man für den Impfstoff braucht, müssen erst einmal in Hühnereiern vermehrt werden. Schnellere Produktion in Zellkulturen und „Allround-Impfstoffe“ gegen Influenza sind also wünschenswert. Und am Ende hilft auch das nichts, wenn sich die Menschen, für die eine solche Empfehlung gilt, nicht impfen lassen. Im Rückblick zeigte sich, dass in der Saison 2009/2010 weniger als 15 Prozent des medizinischen Personals und der gesundheitlich besonders Gefährdeten einen wirksamen Impfschutz hatten.

Welche gefährlichen Pandemien gab es sonst noch und welche könnten drohen?

Auch 1957 und 1968 waren besonders gefährliche Grippejahre. Wer das Stichwort „Pandemie“ hört, hat dennoch andere Seuchen im Kopf. Zum Beispiel die Infektionen durch das Filovirus Ebola, das 2014 und 2015 mehrere westafrikanische Staaten heimsuchte: Im August 2014 sprach die WHO von einer „gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite“, erst im März 2016 gab es schließlich Entwarnung. 11000 Menschen waren an Ebola gestorben. Da das Virus vergleichsweise schwer zu übertragen ist, kam es aber nicht zu einer größeren Verbreitung in Industrieländern.

Die schwere akute Atemwegsinfektion SARS dagegen drohte in den Jahren 2002 und 2003 zur ersten Pandemie des 21. Jahrhunderts zu werden. Sie hatte das Zeug dazu, denn das Corona-Virus, das Forscher schnell als Verursacher identifizieren konnten, wird über die Atemwege übertragen. Das Zika-Virus wiederum, das zuletzt Schlagzeilen machte, wird über Mückenstiche verbreitet und bleibt bisher lokal begrenzt. Es kann allerdings in Einzelfällen zum „Reisemitbringsel“ werden: Mitte Dezember 2016 gab es in Deutschland etwas über 200 labordiagnostisch nachgewiesene Fälle. Gefährlich ist eine Infektion vor allem während der Schwangerschaft, den Ungeborenen drohen Fehlbildungen des Gehirns.

Noch ein anderer Fall ist die Poliomyelitis (Kinderlähmung), gegen die längst wirksame Impfstoffe existieren: Wir könnten in einer Welt ohne diese Krankheit leben, vier von sechs WHO-Regionen sind bereits poliofrei. Hierzulande sind die Impfquoten auch gut, ein eingeschleppter Fall würde sich wohl nicht weit verbreiten. Doch es kommt immer wieder zu Rückschlägen, zuletzt in Pakistan, Afghanistan und Nigeria, wo die Terrororganisationen Taliban und Boko Haram auch gegen Impfprogramme kämpften. HIV und Aids lassen sich ebenfalls mit gutem Recht als Pandemien bezeichnen. Zwar kann man sich gegen Infektionen schützen, doch an der Immunschwächekrankheit sind schon mehr als 36 Millionen Menschen gestorben.

Was hat die Politik aus Ebola gelernt?

Harte Worte fand der Ebola-Beauftragte der Bundesregierung, Walter Lindner, 2015 bei einer Konferenz der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Sein Resümee lautete: „Wir haben versagt.“ Ebola habe der Weltgemeinschaft vor Augen geführt, dass sie bei der nächsten Pandemie besser vorbereitet sein müsse, bilanziert auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. In der EU wurde immerhin die Konsequenz gezogen, ein „Europäisches Medizinisches Corps“ zu bilden, das im Notfall die schnelle Entsendung von Helfern in betroffene Regionen ermöglicht. „Vor allem bei neuartigen Erregern, gegen die wir noch wenig Möglichkeiten zur Vorbeugung und Therapie haben, ist es wichtig, schnell viel Wissen zu sammeln“, sagt Walter Haas, Leiter des entsprechenden Fachgebiets beim RKI. Während einer Pandemie sei eine möglichst lückenlose Überwachung des Geschehens in Kliniken und Arztpraxen wichtig. Zudem müssten möglichst früh Entscheidungen für die Entwicklung und Produktion eines Impfstoffs getroffen werden.

Was genau ist beim G-20-Treffen geplant und was verspricht sich die Kanzlerin davon?

Nötig ist aus Merkels Sicht für die Zukunft eine Art globaler Katastrophenschutz. Es müsse geregelt sein, wie man im Falle einer sich schnell ausbreitenden Infektion zu agieren habe, sagt sie. Und es müsse Möglichkeiten geben, um Pandemie-Regionen abzusichern. Die Ebola-Krise habe zudem gezeigt, dass eine enge Abstimmung zwischen zivilen Behörden und Militärs notwendig sei. Mit dem Schwerpunkt der deutschen G-20-Präsidentschaft will die Regierung aber auch Engagement demonstrieren. Dadurch werde „die globale Gesundheitspolitik zu einem Markenzeichen der internationalen Verantwortung unseres Landes“, freut sich Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). „Nur gemeinsam können wir die Welt besser auf künftige Gesundheitskrisen vorbereiten.“ Merkels Pandemie-Initiative beginnt schon am 19. und 20. Mai mit einem außerordentlichen Treffen der G-20-Außenminister in Berlin. Auf dem Programm steht auch eine Simulationsübung: Die Teilnehmer spielen eine Flugzeuglandung mit Passagieren durch, bei denen der Verdacht auf eine hochansteckende Infektionskrankheit besteht. Die Übung werde die Stadt aber „nicht in Atem halten“ und das öffentliche Leben beeinträchtigen, versichert eine Ministeriumssprecherin. Es gehe vor allem um Kommunikationsabläufe und die Abstimmung untereinander.

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