Politik : Vor Missbrauch wird gewarnt

Neun deutsche Zeitungen wollen wachsenden Zudringlichkeiten von Politikern Grenzen setzen

Stephan-Andreas Casdorff

Am heutigen Freitag haben neun große Tageszeitungen in Deutschland einen Aktionstag in eigener Sache ausgerufen. Es geht um ein journalistisches Genre, das auch im Tagesspiegel besonders gepflegt wird: das Interview mit Politikern, Unternehmern und anderen Prominenten. Allein in unserer Zeitung erscheinen rund ein Dutzend Gespräche pro Woche. Darunter sind das besonders auffällige politische Interview auf der letzten Seite des so genannten ersten Buches am Sonntag, das große Gespräch auf der ersten Seite der Sonntagsbeilage oder am Montag das große Wirtschaftsinterview.

Der Tagesspiegel und acht weitere Zeitungen, unter ihnen auch die „Süddeutsche Zeitung“ und die FAZ, folgen einem Aufruf unserer Kollegen von der „tageszeitung“. Die taz hat in den letzten Wochen schlechte Erfahrungen mit Politikern der SPD gemacht – Erfahrungen, die auch unsere Redaktion zur Genüge gemacht hat, mit Politikern aller Parteien, und nicht nur mit Politikern.

Es geht um die in Deutschland übliche Praxis der „Autorisierung“ von Gesprächen. Autorisierung, das bedeutet: Anders als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, wo das gesprochene Wort gilt, ist es hier üblich, dass Interview-Partner vor Abdruck des Gesprächs den Artikel kontrollieren können. Damit soll sichergestellt werden, dass im unvermeidbaren Prozess der Bearbeitung von Interviews keine sinnentstellenden oder falschen Aussagen stehen bleiben. Seit Jahren aber wird diese dem Gebot der Fairness geschuldete Verfahrensweise immer wieder einmal ausgenutzt. Es werden Interviews im Nachhinein grundlegend verändert, bis sie manchmal bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Und damit undruckbar.

Die Zudringlichkeiten sind so stark geworden, dass wir gemeinsam jetzt vor einer Grenzüberschreitung warnen müssen. Denn Gespräche mit Politikern und anderen Amtsinhabern dürfen nicht zu ihren Verlautbarungen umfunktioniert werden ohne Rücksicht auf die Interessen und Bedürfnisse der Leser oder auf die Relevanz der Aussagen oder gar auf den Wahrheitsgehalt. Kürzlich kam es im Tagesspiegel zu einer besonders bestürzenden Form der Einflussnahme: Michel Friedman strich ein ganzes Interview für unsere Sonntagsbeilage. Zwar bestritt er mit keinem Wort, dass die Aussagen korrekt wiedergegeben worden waren, aber sie erschienen ihm plötzlich nicht mehr opportun.

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