Politik : Vor zehn Jahren bekannte sich die DDR zur gesamtdeutschen Verantwortung für den Holocaust

Robert Ide

Wieder einmal begann der politische Tag in Ost-Berlin mit einem Paukenschlag. Am 8. Februar 1990 bekannte sich die DDR erstmals zur Verantwortung aller Deutschen für den Holocaust. In einem Brief an den Jüdischen Weltkongress in New York und die israelische Regierung betonte DDR-Regierungschef Hans Modrow auch die "Bereitschaft zur solidarischen materiellen Unterstützung ehemaliger Verfolgter des Naziregimes jüdischer Herkunft".

Die Erklärung kam einem Abschied vom bis dahin propagierten Geschichtsbild gleich. Der Umgang der DDR mit der nationalsozialistischen Diktatur stand erstmals auf dem Prüfstand.

Die Reaktionen fielen zunächst verhalten aus. Der Jüdische Weltkongress sprach von einem "wichtigen ersten Schritt". Benjamin Netanjahu, damals stellvertretender Außenminister Israels, empfahl der ostdeutschen Regierung, sich an der "westdeutschen Tradition" der Aufarbeitung zu orientieren. Rückblickend kann Modrow die Zurückhaltung verstehen: "Die DDR hatte die Juden bislang nicht als Opfer der Nazis wahrgenommen, sondern höchstens einige ihrer Widerstandskämpfer geehrt."

Sein Schreiben bezeichnet Modrow, heute PDS-Ehrenvorsitzender und vor der Wende SED-Bezirkschef in Dresden, zehn Jahre später als "Zeichen, dass wir den Antifaschismus nicht gepachtet hatten". In der Tat konnte und sollte das Ausland aber zuvor genau jenen Eindruck bekommen. In offiziellen Wörterbüchern wurde der Faschismus als "höchstentwickelte Form des Monokapitalismus" definiert. Der Antifaschismus galt demnach als eine "dem Wesen nach antiimperialistische Volksbewegung".

Die Erinnerung an die nationalsozialistische Diktatur und den Zweiten Weltkrieg wurde auf kommunistische Widerständler und die "Helden der ruhmreichen Sowjetarmee" verengt. Unabhängige Erinnerungsversuche wurden dagegen eingedämmt. Die 1945 in vielen Orten spontan entstandenen "Antifa-Kommitees", die sich lokal gegen verbliebene Nationalsozialisten einsetzten, wurden zügig zerschlagen.

Die 1947 gegründete "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN), die sich anfangs einer konsequenten Aufarbeitung stellte, verschwand 1953 ebenfalls in der Versenkung. Begründung des Politbüros der SED:"Die Aufgaben der VVN sind durch die Entwicklung in der DDR gelöst." Die von der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht forcierte, aber ideologisch einseitig durchgeführte Entnazifizierung galt damit nach offizieller Diktion als erledigt.

Andrei S. Markovits, amerikanischer Politologe jüdischer Herkunft, benennt die Folgen dieser Politik äußerst kritisch: "In der DDR wurden die NS-Verbrechen nicht diskutiert. Schließlich zählte man sich mit der Sowjetunion zu den Siegern der Geschichte." Markovits, der in den siebziger Jahren erstmals den Ostteil Berlins besuchte, spricht aus persönlicher Erfahrung. Trotz zahlreicher Gedenkfeiern und der als Mahnmale erhaltenen Konzentrationslager stellte er antisemitische Tendenzen in der DDR fest, die es doch eigentlich nicht mehr geben sollte: "Auf Schritt und Tritt zeigte mir das Land, dass ich als Jude unerwünscht war."

Auch ostdeutsche Bürger jüdischer Herkunft bekamen den Zwiespalt zwischen dem antifaschistischen Selbstbild und der Wirklichkeit oft zu spüren. Von den Nazis enteignetes Eigentum bekamen sie größtenteils nicht zurück. In den KZ-Gedenkstätten wurden jüdische Opfer meist nicht als solche benannt, sondern als polnische oder russische Opfer deklariert. Erst zum 50. Jahrestag der "Reichskristallnacht" 1988 wurde der Massenmord zaghaft thematisiert. Entschädigungszahlungen gab es während der ganzen Zeit der DDR nicht.

Insgesamt führten die etwa 4500 Juden in der DDR eine Randexistenz, die durch die fehlenden diplomatischen Beziehungen zu Israel noch untermauert wurde. Modrow erinnert sich: "Dass wir überhaupt kein Verhältnis zu Israel hatten, reflektierte ich erst während meiner Amtszeit. Für uns war das vorher nie ein Thema."

Erst kurz vor dem Untergang entschuldigte sich die DDR für ihr Verhalten. In einer Erklärung der Volkskammer, im April 1990 verabschiedet, hieß es: "Wir bitten das Volk von Israel um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Land."Aus der Serie "Der Weg zur Einheit"

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