• Vor zehn Jahren wurde der Demokrat Václav Havel zum tschechischen Staatspräsidenten gewählt

Politik : Vor zehn Jahren wurde der Demokrat Václav Havel zum tschechischen Staatspräsidenten gewählt

Alexander Loesch

Am 29. Dezember 1989 feierte die "samtene Revolution" in Prag ihren Triumph - zum ersten Mal seit dem kommunistischen Putsch von 1948 wurde ein ausgewiesener Demokrat und Antikommunist zum Staatsoberhaupt gewählt. Václav Havel, damals 53-jährig, hätte dabei als Dramatiker kaum ein absurd-originelleres Drehbuch für seinen Sieg in der Kür zum Präsidenten schreiben können: Knapp ein Jahr nach seiner abermaligen Verurteilung zu einer Haftstrafe stimmte das alte realsozialistische Scheinparlament mit einer klaren Mehrheit für den zwei Jahrzehnte lang vom Regime verfolgten Dissidenten. Es sollte paradoxerweise der einzige überwältigende Wahlsieg Havels werden; seine späteren Amtsbestätigungen durch die demokratisch bestimmten Parlamente waren nur knapp und außerdem noch von degoutanten Attacken der rechten und linken Opposition flankiert.

Auch optisch war die erste Wahl des "Dichterpräsidenten" an jenem eiskalten, trüben Dezembertag eine bühnenreife Mischung aus revolutionärem Freiheitspathos und einer Crazy-Comedy. In einem pompösen Ritual im einstigen Thronsaal der böhmischen Könige als neuer Präsident eingeschworen, und nach einem Te Deum in der Sankt-Veits-Kathedrale, erschien Havel vor der jubelnder Menge auf der Prager Burg in einem schlecht sitzenden Cut und einer viel zu kurzen Hose. Das störte aber niemanden.

Im Gegenteil: Das neue Präsidentenpaar, Havel und seine damalige (vor knapp vier Jahren verstorbene erste) Frau Olga, wirkte auf die Menschen nach Jahrzehnten, geprägt von unansehnlichen KP-Funktionären, würdevoll, ja elegant. Ein anschließendes Volksfest nahm die ganze imposante Burganlage Hradschin in Beschlag, der neue Optimismus der Bürger schien grenzenlos zu sein.

Damals wurde allerdings Havel vom Volk auch zu einem Mythos, zu einem fast märchenhaften Retter der Nation erhoben, der mit der Realität kollidieren musste. Die unter der Diktatur entmündigten Menschen sehnten sich nach einer Vaterfigur und glaubten, in Havel einen neuen gütigen, für sie alles richtenden "König von Böhmen" (Timothy Garton Ash) gefunden zu haben. Die Enttäuschung war daher programmiert, die Popularitätskurve des Präsidenten sinkt besonders in den letzten Jahren beständig ab. Trotzdem gilt er als die letzte glaubwürdige moralische Autorität im Lande, die sich von dem kleinkarrierten politischen Gehader der Partei-Fürsten wohltuend abhebt. Havels Anerkennung im Ausland blieb bis heute ungebrochen.

Seine visionäre Außenpolitik leitete Havel mit einem Paukenschlag schon kurz nach der Wahl ein, als er die ersten offiziellen Visiten München und Berlin abstattete und sich im Namen der Tschechen für das den Sudetendeutschen bei der Vertreibung von 1945/46 angetane Leid entschuldigte. Während nicht zuletzt diese Einsicht im Laufe der Jahre auf der politischen Ebene zu einer bedeutenden deutsch-tschechische Annäherung beigetragen hat, zeigen sich große Teile der tschechischen Gesellschaft bis heute den Vertriebenen gegenüber noch weitgehend unversöhnlich. Auch die Spaltung der Tschechoslowakei vor sieben Jahren konnte Havel nicht verhindern, er trat 1993 wegen der sich abzeichnenden "sanften Scheidung" der beiden Völker aus Protest zeitweilig zurück. In der neuen Tschechischen Republik ließ er sich aber zu ihrem ersten Staatsoberhaupt wählen. Abgesehen von dem Intermezzo vom Herbst 1993 ist Havel somit einer der am längsten amtierenden Staatspräsidenten der demokratischen Welt. Vor allem Dank seines Einsatzes ist Tschechien jetzt fest im Sicherheitssystem des Westens, der Nato verankert. Havels großer Wunsch bleibt, dass bis zum Ende seiner letzten Amtszeit in zwei Jahren die Weichen für die EU-Aufnahme seines Landes eindeutig gestellt werden mögen.

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