Vorbild für Afghanistan : Vom Rebellen zum Elektriker

Deutschland unterstützt in Nepal die zivile Wiedereingliederung maoistischer Ex-Rebellen – das könnte ein Vorbild für Afghanistan sein.

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Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao. In Reih und Glied hängen die Konterfeis der Kommunisten unter dem Strohdach des Pavillons, der Schutz vor der heißen Sonne bieten soll. Daneben zeigt ein weiteres Bild das strenge Gesicht von Prachanda, dem politischen Führer der nepalesischen Maoisten. Dirk Niebel (FDP), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, würde sich nur schwerlich unter diesem Bilderreigen ablichten lassen. Trotzdem sind Prachanda und seine Gefolgsleute nicht Niebel direkt, aber den Deutschen höchst dankbar. Der Pavillon steht in Shaktikhor, einem Lager der maoistischen Volksbefreiungsarmee People’s Liberation Army (PLA), rund 250 Kilometer südwestlich der nepalesischen Hauptstadt Katmandu.

Bis 2006 hat die PLA zehn Jahre lang gegen die Regierung und gegen Armut und Ausbeutung in Nepal gekämpft. Dann hat sie sich in Lager wie Shaktikhor zurückgezogen. Ohne die bundeseigene Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die im Auftrag des Ministeriums Entwicklungshilfeprojekte umsetzt, sähe das Lager nicht so aus, wie es heute aussieht. Es gäbe keinen Strom, keine Wasserleitungen und weniger Toiletten. Dafür aber mehr Krankheiten.

Dieses Engagement in Nepal könnte ein Beispiel sein – für Afghanistan, wo es darum geht, Tailibankämpfer in zivile Strukturen einzubinden und damit den angestrebten Versöhnungsprozess anzuschieben. Vor wenigen Tagen erst hatte Präsident Karsai auf der Kabuler Konferenz sein Programm zur Integration von 36 000 Taliban vorgelegt. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte schon vor der Londoner Afghanistankonferenz im Januar dieses Jahres diese Strategie begrüßt. Er hatte zugleich angekündigt, um gutwilligen Taliban eine wirtschaftliche und soziale Perspektive zu bieten, werde Deutschland „auch zusätzliches Geld in die Hand nehmen“.

In Nepal hat die GTZ seit Oktober 2007 in Shaktikhor und die anderen 27 Lager der PLA investiert – um die Wiedereingliederung von knapp 20 000 Ex-PLA-Frauen und -Männern, um Frieden und Demokratie in Nepal abzusichern. Weitere 2,5 Millionen fließen bis Ende 2012. Die PLA akzeptiert nur die Deutschen als Helfer in den Lagern, nicht einmal den Chinesen, die ihnen ideologisch am nächsten stehen, trauen sie. Nach dem Friedensschluss musste die PLA alle Waffen abgeben und unter UN-Kontrolle stellen. Die Regierung wies der nie besiegten PLA Standorte zu, an denen sie Lager errichten konnte, wo für die notwendige Infrastruktur wie Straßen, Häuser, Trinkwasser und Strom gesorgt werden sollte. Doch die Zusage wurde nicht eingehalten. Die Folge: Neue Spannungen drohten. In dieser Situation kam auf Wunsch der Regierung und der PLA die GTZ ins Spiel.

3900 PLA-Kämpfer leben in Shaktikhor. Es ist ein Militär- und auch ein Ausbildungslager. Nicht nur Lagerkommandant Rajesh – grün-beige gemusterte Uniform, auf dem Ärmel das PLA-Symbol mit zwei gekreuzten Gewehren vor dem Panorama des Mount Everest – lobt die GTZ. „Das ist die einzige Organisation, die neutrale Hilfe anbietet und sie auch leistet.“ Mit dem Geld der Deutschen lassen sich die Kämpfer ausbilden, als Gesundheitshelfer, als Elektriker, als Schreiner, als Näherin oder als Computerexperte.

Mina Popkharel ist den Deutschen und damit eigentlich dem Klassenfeind dankbar. Die 24-Jährige hat im Krieg einen Unterschenkel verloren, sie ist auf Krücken angewiesen. Sie hat an einem 45-tägigen Schneidereikurs teilgenommen. „Jetzt kann ich nähen, auch für die Partei.“ Nur das scheint sich die junge Frau vorstellen zu können: Allein was die Partei sagt, zählt. Ein paar Meter weiter schwitzt Bhaktan Bahadur Gantan unter seinem gelben Helm. Der 48-Jährige schraubt an einem einfachen Schaltkreis. Die Grundlagen der Elektrik werden 43 Ex-Kämpfern hier beigebracht. Jeder Absolvent erhält am Ende ein staatliches Zeugnis. „Elektriker werden gebraucht“, sagt GTZ-Büroleiter Thomas Labahn.

Gebraucht werden auch Computerexperten, glaubt Pramilla Acharya. Wie 15 andere Ex-Kämpfer sitzt sie in voller Montur mit schweren Stiefeln und Kappe vor einem Flachbildschirm, macht sich mit Tastatur und Maus vertraut. „Wir sind im 20. Jahrhundert, da sind Computer wichtig“, sagt die überzeugte Maoistin. Seit zehn Jahren kämpft die 26-Jährige in der PLA, erst mit der Waffe in der Hand („ich weiß nicht, ob ich jemanden getötet habe“), jetzt mit dem Computer. Auch sie will ihre mithilfe der GTZ erworbenen Erkenntnisse in den Dienst der maoistischen Partei stellen.

Das ist in Shaktikhor fast immer zu hören. „Die GTZ versteht unser Anliegen“, sagt Maoistenführer Rajesh. „Die Deutschen investieren in Frieden, Menschlichkeit und in die Stabilität Nepals.“ GTZ-Büroleiter Labahn und die Projektverantwortliche Heidi Gutsche nicken. Mit den ideologischen Denkmustern der PLA dürften die Deutschen freilich ihre Probleme haben. „Kommunismus und Marxismus entwickeln sich und passen sich den Verhältnissen an, wir sind für einen progressiven Kapitalismus“, sinniert Rajesh.

In Katmandu haben sich derweil die über 600 Mitglieder der Verfassungsgebenden Versammlung in letzter Sekunde geeinigt – sie werden ein weiteres und damit das dritte Jahr über eine neue Verfassung diskutieren. Vor allem die Maoisten als stärkste Oppositionskraft gelten als Hemmschuh.

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