Politik : Vorbildlich

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

In Deutschland, als es einst noch ein Musterländle war, hatte der Italiener einen zweifelhaften Ruf. Wir Germanen schufen im Schweiße unseres Angesichts Wirtschaftswunder auf Wirtschaftswunder, die Mittelmeer-Hallodris aber pflegten das Dolce Vita und machten damit auch noch Geld, indem sie es verfilmten. Überhaupt war uns das mit dem Geld in Italien suspekt. Millionensummen, aber nix wert; am Wechselschalter schmolzen die Lira-Nullen zu Pfennigen dahin. Wie überhaupt ein Volk, das von Punkt zwölf bis vier Uhr nachmittags kollektiv geschlossen hat und die Zeit davor und danach in Espresso-Bars verbringt, zu nennenswertem Nationaleinkommen kommt? Aber in unsere tarifvertraglich abgesicherte Empörung mischte sich dieses leise Gefühl von – ja, was war das? Neid? Auch, gewiss. Aber es war uns vor allem unheimlich. Die Italiener kannten einen Trick, den wir nicht kannten. Und da gibt es nun also diese Geschichte mit der Maut. Auf Italiens Autobahnen wird der Wegezoll seit je von Hand kassiert. Eines Tages hat die Gewerkschaft der Mautkassenhäuschenkassierer den Streik ausgerufen – unser Gewährsmann, der uns damals die Geschichte erzählt hat, weiß auch nicht mehr warum. Man hätte jedenfalls erwarten sollen, dass tags darauf die Autobahn umsonst war. War aber nicht. In den Kassenhäuschen saßen Menschen, die mit mürrischer Routine die Gebühr einzogen und bei Befragen etwas von „Mitglied der Konkurrenzgewerkschaft“ murmelten. Versteht sich, dass die Einnahmen dieses Tages nie in der Staatskasse landeten. Aber ideell hat auch Vater Staat etwas davon gehabt. Das Prinzip war gewahrt: Kassiert wird auf jeden Fall, egal was kommt!

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