Politik : Vornehm in der Defensive

Bei der Jugend kommt Polens Präsidentschaftskandidat Tusk an – aber reicht das für die Stichwahl?

Thomas Roser[Posen]

Zumindest auf dem Campus kann sich der jugendlich wirkende Kandidat der Gunst seines jungen Publikums sicher sein. Selbst die Professoren springen applaudierend auf, als sich Donald Tusk im Hörsaal der Universität Posen den Weg zum Podium bahnt. „Sympathien allein genügen nicht“, beschwört der Mann mit den hellblauen Augen seine Zuhörer-Schar: „Ich bitte euch: Geht wählen !“

Der Aufruf des rechtsliberalen Kandidaten Donald Tusk hat seinen Grund: Im Zweikampf um Polens Präsidentensessel sagen die letzten Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus zwischen ihm und dem nationalkonservativen Lech Kaczynski. Vor der Stichwahl am kommenden Sonntag meldete die Nachrichtenagentur PAP am Freitag unter Berufung auf jüngste Umfrageergebnisse, dass Kaczynski von 50,2 Prozent der Befragten unterstützt werde. Tusk kam demnach auf 49,8 Prozent.

Also hat Tusk im Endspurt von Polens Wahlmarathon die Mobilisierung der eigenen Klientel im Auge. Angesichts der knappen Umfrageergebnisse steht der Sieger möglicherweise erst am Montag fest. Die Zeitung „Gazeta Wyborcza“ rechnet mit einer langen Wahlnacht: „Es ist nicht egal, wer gewinnt: Es geht um zwei verschiedenen Visionen von Polen – und zwei entgegengesetzte Temperamente.“

Tusk wäre ein guter Präsident, doch sei er ein blasser Wahlkämpfer, mäkeln heimische Kommentatoren. Tatsächlich setzt im konservativen Zweikampf um das Präsidentenamt der „harte“ Kaczynski Themen und Ton. Ob mit seinen Ausfällen gegen ein „liberales Polen der Reichen“ oder mit den durch dessen Wahlstab lancierten Vorwürfe einer vermeintlichen NS-Kollaboration des Tusk-Großvaters: Stets sieht sich der „weiche“ Tusk in die Defensive gedrängt, pflegt auf die Attacken allenfalls zu reagieren.

In der Messestadt Posen, wo der Danziger vor zwei Wochen doppelt so viele Stimmen wie sein Gegner erzielte, ist Tusk indes ein Heimspiel gewiss. Mit Beifall bedenken die Jungwähler seine langatmigen Ausführungen zur Hochschulpolitik oder sein Loblied auf Großbritanniens ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher. Selbst Steilvorlagen für etwas giftigere Angriffe auf seinen Rivalen lässt der auf dem Feld so bissige Hobbykicker ungenutzt passieren. Er habe bislang nicht mit „Schmutz geworfen“ – und werde das auch künftig nicht tun, antwortet er auf die Frage, was für eine „Cowboy-Politik“ bei einem Sieg von Kaczynski denn zu erwarten sei. Politik müsse „kein zynisches Spiel“ sein, sucht sich Tusk stattdessen in der Pose des um Ausgleich bemühten Landesvaters zu profilieren. Schmutzige Methoden wolle er nicht anwenden: „Sonst würde mir der Sieg nicht schmecken.“

Sein Konkurrent setzt hingegen auch im Finale des Wahlkampfs unverdrossen auf die populistische Karte. Vor Deutschland werde er „nicht in die Knie“ gehen, bezeichnet Kaczynski den EU-Partner als „Gefahr“ für das Land. Um sich für die Stichwahl die Unterstützung des populistischen Bauernführers Andrzej Lepper zu sichern, hat der 56-Jährige in dieser Woche gar dessen Lieblingsforderung nach dem Abtritt von Notenbank-Chef Leszek Balcerowicz übernommen: Als Präsident werde er den Architekten der Wirtschaftstransformation nicht mehr als Währungshüter nominieren. Die von Kaczynski propagierte „Vierte Republik“ trage das „Gesicht Leppers“, macht sich hingegen Tusk in Posen für eine „berechenbare“ Politik stark: „Die Zeit der Krawalle muss endlich enden.“

Zumindest seine Zuhörer in Posen hat der Danziger überzeugt. Mit dem „offenen“ Tusk könne man sich identifizieren, begründet der Soziologiestudent Michal Fortuniak dessen Popularität unter den Jungwählern. Kaczynski sei „zu radikal“ – und propagiere das veraltete Modell eines starken „Vormunds-Staats“, so der 19-Jährige: „Die Wahl Kaczynskis wäre für Polen ein Schritt zurück.“

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