Politik : Vorteil Bush

VOR DEM WAHLJAHR

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Von Malte Lehming

Was für eine Woche für George W. Bush! Erst verhaften amerikanische Soldaten Saddam Hussein. Dann überredet James Baker die drei Hauptgläubiger des Irak – Frankreich, Russland und Deutschland – zu einem Schuldenerlass. Schließlich verspricht Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi, sein Land verzichte auf Massenvernichtungswaffen. Was steckt hinter dieser Kette von Erfolgen? Zufall, Glück, Instinkt, Geschick? Im Weißen Haus jedenfalls herrscht Frohsinn. Wäre Bush kein Asket, würden dort Sektkorken knallen. Die Popularitätswerte des Präsidenten sind nach oben geschnellt: Würde heute gewählt, hätte kein Herausforderer eine Chance. Damit Bush die Brust so richtig schwillt, hat die US-Wirtschaft in diesem Quartal auch noch phänomenale Wachstumsraten vermeldet.

Gewählt wird aber erst in knapp elf Monaten, und bis dahin kann viel passieren. Im Irak hat sich das Blatt durch die Festnahme Husseins schlagartig gewendet. Die Besatzungsmacht verspürt moralischen Auftrieb. Doch ebenso schnell können die Zweifel wieder nach oben gespült werden. Ein einziger Anschlag, bei dem, womöglich zu Weihnachten, Dutzende amerikanischer Soldaten getötet würden, reichte aus. Dann beherrschten die Begriffe aus dem Wörterbuch der Kriegsgegner, von „Sumpf“ bis „Vietnam“, die Diskussion. Wie labil ist die amerikanische Öffentlichkeit?

In Europa mag die Antwort überraschen: nicht sehr. Eine relativ konstante Mehrheit der Amerikaner hat den Irak- Krieg von Beginn an unterstützt. Unmittelbar vor der Gefangennahme Husseins schwankte die Zustimmung zwischen 59 und 64 Prozent. Selbst Hillary Clinton, heimlicher Star der Opposition, hat die Argumente der Kriegsbefürworter übernommen. Natürlich sei Saddam Hussein eine Bedrohung gewesen, der nach Massenvernichtungswaffen gestrebt habe, „ob er sie nun besessen hat oder nicht“. Das Clinton-Ehepaar steckt maßgeblich hinter einer innerdemokratischen Kampagne, deren Ziel es ist, die Nominierung von Howard Dean zu verhindern. Dean war einst Gouverneur des Zwergstaates Vermont. Den Irak-Krieg hat er stets abgelehnt. In ihm bündelt sich die Verachtung vieler Demokraten für Bush. Zur Zeit gilt er als aussichtsreichster der Kandidaten, die für die Demokraten gegen Bush ins Rennen gehen könnten.

Sein Problem ist die Wirkungsmacht der Geschichte, die normative Kraft des Faktischen. Viele Amerikaner nicken, wenn Dean tönt: „Die Bush-Regierung hat den Krieg auf falsche Weise begonnen, zur falschen Zeit, mit ungenügender Planung, unzureichender Hilfe und zu unglaublichen Kosten.“ Doch dieser Position fehlt das konstruktive Moment. Sie erschöpft sich im Anti. Voraussichtlich im Sommer beginnt der Prozess gegen Hussein. Dann werden täglich die Geschundenen des Diktators Zeugnis ablegen von den Verbrechen der Tyrannei. Im Vergleich dazu wirkt die Frage nach den fehlenden Massenvernichtungswaffen nebensächlich. Das Grundgefühl in Amerika wird sein: Es war gut, den Diktator zu stürzen. Wenn es nach Dean gegangen wäre, säße er allerdings immer noch in einem seiner vielen Paläste. Diesen Einwand wird er nicht entkräften können.

Dean ist gebildet und intelligent. Er ist ein fantastischer Redner. All das unterscheidet ihn von Bush. Aber auch im Raumschiff „Enterprise“ ist Spock klüger als Kirk - und trotzdem nicht der Kommandant. Und Oskar Lafontaines Einschätzung der deutschen Vereinigungsprobleme war realistischer als die Helmut Kohls. Trotzdem wurde er nicht Kanzler. In der Politik sind Instinkt und Tatendrang manchmal wichtiger als Räsonieren. Bush trifft mit seiner Art den Nerv vieler Amerikaner. Durch die Verhaftung Saddam Husseins fühlen sie sich bestätigt. Der Opposition bleibt vorerst nur eins – die Hoffnung auf ein Wunder.

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