Politik : Vorteil Ole

Beust schwimmt auf einer Sympathiewelle – die Absage des TV-Duells nimmt Hamburgs SPD noch eine Chance

Armin Lehmann[Hamburg]

Manchmal ist die Moderne auch für Hamburgs CDU noch ein Problem. Als der Erste Bürgermeister dieser Tage mal wieder in seiner Wahlkampfzentrale im „Café Ole“ saß und über „den modernen Wahlkampf seiner Partei“ sprach, unterbrach laute Musik seine Rede. Ole von Beust guckte irritiert und murmelte leicht pikiert: „Da konterkariert sich die Moderne selbst.“ Aber die CDU will sich nicht konterkarieren lassen, nicht von der Technik und schon gar nicht von bösen Flugblättern der Jusos. Die CDU hält eisern ihre Strategie durch, und sie ist von der absoluten Mehrheit am 29. Februar überzeugt.

Was die CDU in Hamburg bietet, bleibt bis zum Wahltag allein ihr Bürgermeister. Darauf hatte sich das Wahlkampf-Team schon im Dezember geeinigt. „Wir hatten wenig Geld, wenig Zeit, aber dafür einen populären Bürgermeister“, erklärt Kampagnenchef Christoph Ahlhaus.

Personalisiert, amerikanisch, witzig sollte die CDU daherkommen und nebenbei die neue Kampagnenfarbe Orange gleich für die Bundespartei testen. Die Inhalte wurden in Broschüren versteckt. Und ein paar Tage vor der Wahl sieht es so aus, als würde diese kühl kalkulierte Strategie aufgehen, die manche in der Partei hinter vorgehaltener Hand für „zu risikoreich“ halten. Doch die Umfrageinstitute prognostizieren noch immer 45 Prozent, und noch immer sind die Sympathiewerte von Ole von Beust im Vergleich zum Herausforderer Thomas Mirow dramatisch gut. Und so kam es den Kampagnenmachern der CDU wohl nicht ungelegen, dass nun ein Flugblatt der Jusos zum Wahlkampfthema Nummer eins wurde.

Früher einmal, bevor von Beust regierte, haben die eigenen Leute sich schon mal gefragt, warum der so selten da sei. Jetzt im Wahlkampf hatte ihm Ex-Bürgermeister Voscherau indirekt das Gleiche vorgeworfen, und nun finden ihn auch noch die Jusos „faul“. Ahlhaus sagt: „Ole von Beust hat daraufhin spontan entschieden, das Rededuell mit Mirow im NDR abzusagen. Und wir haben ihm dazu geraten.“

Mit der Absage entzog von Beust der SPD die letzte Möglichkeit, direkt gegen ihn zu punkten. Statt dessen enthüllte die „Bild“-Zeitung nach dem Flugblatt gestern noch ein „Schmutz-Comic“ („Bild“), das den „Bürgermeister mit Krönchen auf dem Kopf und Windeln zeigt“. Der Bürgermeister sprach von einer „fortgesetzten Geschichte“, und so erscheint es nur konsequent, dass der „faire Hanseat“ sich dem „niveaulosen Stil“ (von Beust) der SPD verweigert. Ein kluger Schachzug, unterstellt man, er sei gewollt, denn Thomas Mirow wirbt in der Stadt für „Klarheit und Wahrheit“, „bürgt“ für allerlei Versprechen und will doch selbst als „fair“ dastehen.

Gestern Abend stellten sich Mirow und von Beust nach dessen Absage dann gleich zweimal alleine TV-Sendern. Erst bei Maischberger, dann im NDR. Neues kam da nicht heraus, von Beust verteidigte seine Position, räumte immerhin „Fehler beim Kita-System“ ein, und Mirow beschuldigte den Bürgermeister erneut, sich durch die Koalition mit Schill schuldig gemacht zu haben am Imageschaden Hamburgs.

Unabhängig dieser Fernduelle mühen sich die Genossen, dem unaufhaltsam erscheinenden Trend zu Ole Inhalte entgegenzusetzen. Das überregionale Personal wie Franz Müntefering, Gerhard Schröder, Renate Schmidt oder Sigmar Gabriel versucht, mit Familienpolitik in Hamburg noch Wähler zu überzeugen. In der Tat liegt das Feld brach, weil die FDP mit Duldung des Bürgermeisters verbrannte Erde hinterlassen hat. Das Kita-Gutscheinsystem sank samt Konteradmiral und Bildungssenator Lange im Finanzierungswirbel auf den Elbgrund hinab, Krippenplätze wurden abgebaut, und nun verprellte von Beust auch noch junge Familien, als er befand: Es sei doch besser, wenn die Kleinen noch die „Nestwärme“ zu Hause hätten.

Die Grünen samt ihrer Spitzenkandidatin Christa Goetsch sind auf diesem Feld konzeptionell gut aufgestellt, und so polterte die Studienrätin dem Bürgermeister entgegen: „Sie haben keine Ahnung, wie die Realität für junge Familien aussieht.“ Auch deshalb sieht sie keine Chance für Schwarz-Grün. Von Beust kann das egal sein. Er setzt auf Sieg. Die FDP, derzeit bei vier Prozent, wird das vermutlich den Einzug in die Bürgerschaft kosten. Dann wird es knapp. Rot-Grün liegt nur ein bis zwei Prozent hinter der CDU. Wer entscheidet also die Wahl? Die Veranstaltungen von Ronald Schill sind noch immer sehr gut besucht.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben