Politik : Vorwärts mit Arbeit, Sex und Gefühl

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Ist ja wahr: deprimierend, diese Zeitungslektüre. Gut, es hageln nun 40 Milliarden Euro über den Staat nieder, das ist ja eine gute Nachricht, aber wie das nun mal so ist, will uns die EU gerade jetzt die Biersteuer erhöhen. Das macht pro Liter ungefähr einen Cent, also einen Euro pro hundert Liter. Mit anderen Worten: Ein gepflegter Koma-Suff ist praktisch nur noch für Großverdiener finanzierbar. Kein Wunder, dass Finanzminister Steinbrück gegen diesen Plan heftig opponiert, denn er sieht darin vermutlich eine Chance, das soziale Profil seiner Partei zu schärfen. Soziales Profil schärfen, das sagt man heute so als Politiker, nur Markus Söder von der die CSU hat eine ganz persönliche Variante: „Marktwirtschaft mit sozialen Leitplanken.“

Wo waren wir grad stehen geblieben? Ach, die schlechten Nachrichten. „Wir müssten mal eine Zeitung mit ausschließlich guten Nachrichten machen!“ – das ist so ein Chefredakteurs- traum. Die schlechte Nachricht: Die „Bild“-Zeitung hat unter der Leitung von Thomas Gottschalk gestern so etwas gemacht. Für alle, die nicht dabei waren, hier seine guten Nachrichten. 1. Immer weniger arbeitslos. 2. Stefanie Hertel rettet weißes Reh. 3. Männer über 50 im Liebesglück.

Wir erkennen in dieser Themenwahl die zukunftsweisende Mischung aus Arbeit, Sex und Gefühl, die Deutschland wieder auf den Weg nach vorn bringen wird. Vor allem das weiße Reh, das derzeit durch den Erzgebirgswald hopst, scheint die Rolle des Aufschwungssymbols übernommen zu haben. Denn eine alte Weisheit der niederrheinischen Stadtkämmerer sagt: „Wem in seiner Not ein weißes Reh erscheint, der hat ausgesorgt, jedenfalls bis zur nächsten Wahl, oder auch nicht.“

Insofern können wir der fröhlichen Musikantin nur viel Glück wünschen beim Rehe-Retten. Denn die nächste „Bild“ kommt bestimmt, und da heißt es dann wieder alarmistisch: „Killer-Gastwirt will Rehweißchen rosa braten!“ Was Killer-Gastwirte eben so machen, um in die Zeitung zu kommen. Oder sich präventiv für die drohende Erhöhung der Biersteuer zu rächen.

Notwendig für Deutschland ist also ein Albino-Finanzminister über 50, der alsbald Stefanie Hertel ehelicht, um sich mit ihr dem Liebesglück hinzugeben. Oder, wie Thomas Gottschalk für die Nackte von Seite 1 gedichtet hat: „Als er sie traf, war sie bekleidet/auch das hat sie ihm nicht verleidet.“

Braucht Deutschland geistige Leitplanken?

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