Politik : Vorwürfe gegen Polizei von Sao Paulo

Philipp Lichterbeck

Rio de Janeiro - Rund eine Woche nach dem Beginn der massiven Mafia-Attacken auf den brasilianischen Staat in Sao Paulo werden schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte erhoben. Am Montag hatte der Chef der Mafiaorganisation „Erstes Hauptstadtkommando“ (PCC), Marcos Camacho, aus dem Gefängnis heraus sowohl das Ende der Angriffe auf das öffentliche Leben wie auch der Gefängnisrevolten angeordnet. Dann jedoch begannen Polizeieinheiten eine blutige Gegenoffensive, die brasilianische Medien als „Rachefeldzug“ für die 41 während der Kämpfe getöteten Polizisten bezeichnen.

Laut eigenen Angaben hat die Polizei seit dem Beginn der Angriffe des organisierten Verbrechens am Samstag vor einer Woche 107 mutmaßliche Verbrecher erschossen. Mehr als die Hälfte von ihnen hat sie jedoch erst ab Dienstag umgebracht, also nachdem die Mafia ihre Angriffe eingestellt hatte.

Menschenrechtsorganisationen beschuldigen die Polizei, Unschuldige „exekutiert“ zu haben und Todesschwadrone zu unterhalten. In der Tat gilt die Polizei von Sao Paulo als skrupellos. Nach einer Gefängnisrevolte in der Haftanstalt Carandiru hatte sie vor Jahren 111 Häftlinge getötet, obwohl diese sich bereits ergeben hatten. Als Antwort gründete sich das PCC, das „Erste Hauptstadtkommando“ als Gefangenenhilfsorganisation. Sie weitete in den Folgejahren ihre Aktivitäten auf den Drogenhandel, Entführungen und Schutzgelderpressungen aus und stieg zur mächtigsten Mafia Sao Paulos auf.

Details über die Organisation der PCC dringen nun Stück für Stück an die Öffentlichkeit. Die Mafia soll rund 140 000 Mitglieder in den komplett überfüllten Gefängnissen des Bundesstaats Sao Paulo haben. Außerhalb der Gefängnisse kann sie mit der Unterstützung von einer halben Millionen Personen rechnen, vor allem Angehörige der Gefangenen. Das PCC soll für 70 Prozent aller Entführungen in Sao Paulo verantwortlich sein. Diese Daten wurden in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Parlamentsausschusses zur Untersuchung des organisierten Verbrechens genannt, die zwei Tage vor Beginn der Auseinandersetzungen stattfand. Der Ausschuss beschloss die Verlegung von 765 Anführern des PCC in Hochsicherheitsgefängnisse.

Eine Tonaufnahme der Sitzung verkaufte der Verantwortliche für das Audiosystem im Kongress an Anwälte des PCC für umgerechnet 80 Euro. PCC-Chef Camacho ordnete daraufhin die Attacke gegen den Staat per Handy aus dem Gefängnis an.

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