Politik : Vorzeigefrauen

Muslimische Politikerinnen in Europa auf dem Vormarsch

Caroline Jenkner

Berlin - Nyamko Sabuni hat es geschafft: Sie ist die erste farbige, afrikanisch-stämmige und muslimische Ministerin in einer schwedischen Regierung. Seit Oktober bekleidet sie das Amt der Integrations- und Gleichstellungsministerin in der Regierungskoalition von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt. Die 37-Jährige sitzt bereits seit 2002 für die liberale Volkspartei im schwedischen Reichstag.

Nyamko Sabuni ist nur die Vorhut einer neuen muslimischen Elite in der Politik. In vielen Ländern Europas mischen muslimische Frauen in den Parlamenten mit – und kritisieren die Praktiken ihrer eigenen Religion. Die Niederländerin Ayaan Hirsi Ali war das prominenteste Beispiel. Von 2003 bis 2006 saß die ehemalige Asylbewerberin aus Somalia als Abgeordnete in der zweiten Kammer des niederländischen Parlaments. Im deutschen Bundestag kämpfen Ekin Deligöz (Grüne) und Lale Akgün (SPD) für eine bessere Integration. Beide sind in der Türkei geboren.

Nyamko Sabuni bezeichnet sich selbst als nicht praktizierende Muslimin. In Burundi geboren, floh sie 1981 als Zwölfjährige mit ihren Eltern aus dem Kongo nach Schweden. In der Familie galt: Schweden ist jetzt unser Land, dann wird auch Schwedisch geredet. Das Gleiche fordert die Ministerin nun von anderen Einwanderern. Sabuni studierte Jura und Migrationsstudien. Dass Reinfeldt sie in sein Kabinett berief, war auch im weltoffenen Schweden eine Sensation. „Das ist ein sozialer Wandel“, sagt Osman Aytar, Soziologe an der Uni Stockholm. „Es war wie ein Symbol der schwedischen Regierung dafür, dass Verschiedenheit in der Gesellschaft jetzt mehr akzeptiert wird.“

Bei den muslimischen Verbänden in Schweden stoßen die Forderungen der neuen Ministerin nicht immer auf Gegenliebe. Nach Sabunis Vorstoß, obligatorische gynäkologische Untersuchungen für Mädchen einzuführen, um Genitalverstümmelungen vorzubeugen, hagelte es Proteste. 40 muslimische Verbände forderten ihren Rücktritt. Die Begründung: Sabuni sei „islamophob“. Jytte Klausen, Professorin an der Brandeis-Universität in den USA und Verfasserin des Buches „Europas neue muslimische Elite“ sieht den Ministerposten von Sabuni dadurch aber nicht in Gefahr: „Das muss sie nicht zu ernst nehmen“, sagt sie, „ein paar werden sich immer beschweren.“ Gleichzeitig attestiert Klausen muslimischen Politikerinnen eine größere Strenge gegenüber der eigenen Religion als ihren Parteikollegen. Das trifft wohl auch auf Ekin Deligöz zu. Die Grünenabgeordnete im deutschen Bundestag hat ihre türkischstämmigen Mitbürgerinnen aufgefordert, ihre Kopftücher abzulegen. Per Brief und E-Mail wurde Deligöz dafür angefeindet, sogar Morddrohungen waren darunter.

Auch Ayaan Hirsi Ali bekam Morddrohungen, mittlerweile ist sie in die USA ausgewandert. Wird auch Sabuni irgendwann aufgeben? „Nein“, sagt Jytte Klausen, „man darf Ayaan Hirsi Ali und Nyamko Sabuni nicht in einen Topf werfen.“ Hirsi Ali habe den Islam immer pauschal verurteilt. Das werde Sabuni nie tun. Sie sehe den Islam differenzierter.

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