Politik : Wachsendes Problem

Afghanistan exportiert weltweit am meisten Rohopium – am Handel verdienen vor allem die Islamisten

Ruth Ciesinger

Berlin - Mohammad Ehsan Zia hat wenig Anlass, etwas zu beschönigen. „Wir stecken in der Krise“, sagt Afghanistans Minister für ländliche Entwicklung. Nicht nur die massiven Ausschreitungen der vergangenen Tage gefährden die Sicherheit. Die generell angespannte Sicherheitslage und nach wie vor unterentwickelte rechtsstaatliche Institutionen einerseits sowie große Armut andererseits täten ihr Übriges, die Stabilität in Frage zu stellen – und dadurch auch den Mohnanbau zu fördern. Hier steige zudem der Druck der Taliban auf die Bevölkerung, da die Islamisten kräftig am Handel mit Opium verdienen würden.

Afghanistan hat ein einzigartiges Heroinproblem. Gut 2,7 Milliarden Dollar – das entspricht etwa 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – hat die einheimische Drogenmafia im vergangenen Jahr erwirtschaftet. Etwa 4200 Tonnen Rohopium sind allein 2005 produziert worden, was nach der Weiterverarbeitung etwa 42 000 Tonnen Heroin entspricht. Diese gelangen dann zu den direkten Nachbarn in den Iran und nach Pakistan und über zentralasiatische Routen nach Europa. Nachdem im Jahr 2001 nach dem Angriff auf das Talibanregime die Anbauzahlen kurzfristig zurückgegangen waren, schnellten diese schon kurz darauf wieder deutlich in die Höhe. Nach Angaben des UN-Büros zu Drogen und Verbrechensbekämpfung bestreitet die afghanische Ware derzeit etwa 87 Prozent des Opium-Weltmarktes.

Zia, der am Donnerstag an einer Konferenz der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Berlin teilnahm, sieht im Mohnanbau eine „große Sicherheitsbedrohung für den Staat“. Sein Ministerium versuche, in den Dörfern Selbstverwaltung, Infrastruktur und „gute Regierungsführung“ zu stärken, um so den Menschen aus der Armut und der Abhängigkeit vom Drogenanbau zu helfen. Abgesehen davon, dass er hier von mindestens 30 000 Dörfern spricht, ist aber Sicherheit ein riesiges Hindernis für den Kampf gegen den Mohnanbau. Die Zahlen gehen etwas auseinander, aber vermutlich sind etwa 300 000 der insgesamt 27 Millionen Afghanen direkt am Drogenanbau beteiligt, sagt Christoph Berg von der GTZ. Viele von ihnen haben nicht einmal eigenes Land, auf dem sie auch andere Pflanzen anbauen könnten, sondern werden direkt für ihre Feldarbeit bezahlt. Mit Sicherheit zu einem großen Teil auch von den wiedererstarkten Taliban, die schwer in den Drogenhandel verwickelt sind. Leo Brandenberg, Leiter eines EU-Entwicklungsprojektes im Osten Afghanistan, erzählt von zerschossenen Kniescheiben und entführten Mädchen – weil sich jemand geweigert hat, weiter beim Mohnanbau mitzumachen.

Allerdings sind nicht nur die Islamisten in den Drogenhandel verwickelt. Schlafmohn wird seit langem traditionell in Afghanistan angebaut, und immer wieder sind Vorwürfe gegen Mitglieder des herrschenden Establishments zu hören, sie hätten möglicherweise beim Opiumgeschäft ihre Finger mit im Spiel. Ein Umstand, der Maßnahmen gegen den Anbau zusätzlich erschweren dürfte.

Eines der größten Mohnanbaugebiete liegt im Übrigen in der Nähe von Masar- i-Sharif, wo die Bundeswehr am Donnerstag des Kommando über die internationale Schutztruppe Isaf in Nordafghanistan übernommen hat. Gegen den Drogenanbau sollen die deutschen Soldaten allerdings nichts unternehmen, was der afghanische Minister offenbar für richtig hält. Die internationalen Truppen sollten seiner Ansicht nach nicht selbst Mohnfelder zerstören; lieber sollten sie afghanische Sicherheitskräfte für deren Arbeit entsprechend ausbilden.

In Afghanistan seien im vergangenen Jahr an die 350 Fälle verhandelt worden – fast alles aber „kleine Fische“, sagt Zia. Und dann appelliert er an die internationale Gemeinschaft, nicht nur etwas gegen den Drogenanbau und -handel in Afghanistan zu tun. Aber die internationalen Netzwerke, die „bringe offenbar niemand unter Kontrolle“.

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