Politik : Wachstumsmarkt

Nie ist in Afghanistan mehr Mohn angebaut worden UN warnen vor einem Drogenstaat.

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Der Mohn blüht, und zwar in fast ganz Afghanistan. Foto: Reuters
Der Mohn blüht, und zwar in fast ganz Afghanistan. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Neu-Delhi - Noch nie ist in Afghanistan so viel Opium angebaut worden wie ein Jahr vor dem Abzug der internationalen Truppen der Nato. Die Vereinten Nationen warnen, das Land könne zum Drogenstaat verkommen. Die Ernte wuchs im Vergleich zu 2012 um 49 Prozent auf 5500 Tonnen, berichtete das UN-Büro zur Bekämpfung von Drogen und Kriminalität (UNODC) am Mittwoch in Kabul.

Die Fläche, auf der Schlafmohn gepflanzt wurde, wuchs nach UNODC-Angaben um 36 Prozent auf den neuen Rekordwert von 209 000 Hektar. Das ist fast so groß wie das Saarland und der höchste Wert seit Beginn der UN-Erhebungen 1994. Das Volumen des Opiummarktes stieg um 31 Prozent auf 950 Millionen Dollar (710 Millionen Euro), was vier Prozent der Wirtschaftsleistung Afghanistans entspricht.

Der Westen hinterlässt nach zwölf Jahren Einsatz am Hindukusch nicht nur einen blutigen Konflikt mit den Taliban, sondern auch einen Drogensumpf. „Es besteht die ernste Gefahr, dass Afghanistan ohne internationale Hilfe zum Drogenstaat verkommt“, warnte UNODC-Direktor Yuri Fedorow. Das kriegsgebeutelte Land erzeugt 80 Prozent der weltweiten Opiumproduktion. Aus Rohopium wird Heroin gewonnen. Zwar steigt auch in Afghanistan die Zahl der Süchtigen, doch das meiste Opium geht ins Ausland, vor allem nach Europa.

In das dreckige Geschäft mit der Sucht sind Taliban, Warlords und afghanische Politiker, aber auch ausländische Drogenbanden verstrickt. Den größten Zuwachs beim Anbau verzeichnete die UNODC ausgerechnet in der südlichen Taliban-Hochburg Helmand, wo die Anbaufläche um 34 Prozent wuchs. Helmand stellt damit fast die Hälfte der landesweiten Anbaufläche. Dies ist pikant, weil britische Truppen dort ausdrücklich mit dem Ziel stationiert worden waren, den Opiumanbau einzudämmen. Alle Versuche des Westens und der Regierung, den Opiumanbau merklich zurückzudrängen, scheinen damit gescheitert. Anders sah dies unter den Taliban aus. Diesen gelang es, den Opiumanbau durch massive Gewaltandrohung und harte Strafen deutlich zurückzuschneiden. Was sie allerdings nicht daran hindert, in dem Geschäft mitzumischen.

Die UNODC macht als Gründe für den Boom vor allem die anhaltend hohen Preise aus. Keine andere Pflanze bringt den bitterarmen Bauern so viel Geld ein wie Mohn. Für ein Kilogramm Opium bekommen sie 145 Dollar. Die Flucht in den Opiumanbau werde noch durch die ungewisse Zukunft befördert. Viele Bauern wollten ihre Reserven für schlechte Zeiten füllen, bevor die Nato-Truppen abziehen. Nur noch 15 der 34 Provinzen in Afghanistan sind frei vom Mohnanbau, zwei weniger als im Vorjahr. Im Jahr nach dem Abzug der Bundeswehr aus der nordostafghanischen Provinz Badachschan wuchs auch dort die Anbaufläche von Schlafmohn um 25 Prozent auf 2374 Hektar. Beim Versuch der Behörden, Anbauflächen zu roden, wurden 143 Menschen getötet, 41 mehr als 2012.

Der Afghanistan-Chef von UNODC, Jean-Luc Lemahieu, mahnte langfristige Programme an. Es werde Jahrzehnte brauchen, um die Opiumkrise zu lösen. „Solange wir denken, dass es schnelle Lösungen gibt, sind wir zum Scheitern verurteilt“, warnte er. Christine Möllhoff

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