Politik : Wählt Karsai grün?

Hans Monath

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Schlaghose hin, Lenin her: Früher war eben doch alles besser. Deshalb gibt es für die Ossis die „Ostalgie-Show“ und „Die DDR-Show“, für Wessis Schmuserock-Wellen mit hoher Abba-Frequenz. Und für alle grellbunte Synthetik-Leibchen. Alles kommt wieder. Überall wabert die Sehnsucht nach der Pubertät der Republik.

Und das nicht nur in Deutschland. Sogar Afghanistans Übergangspräsident Hamid Karsai schwelgt nun in Erinnerung an die 80er. Kürzlich gewährte er dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei nicht nur eine Audienz, sondern pries auch noch die Avantgarde-Rolle der ehemaligen Alternativ- und heutigen Regierungspartei: „Zunächst erinnert er freundlich an die kleinen Grünen mit ihren neuen Ideen in den 80er -Jahren und betont ihre heutige Bedeutung“, beschreibt Nachtwei die Unterredung in seinem Reisebericht. Klingt süß. Aber was soll das heißen? Ist der neue Wahlslogan für den Grünen-Spitzenmann des Jahres 2006 freigegeben: Karsai würde Fischer wählen? Und hat der als weltweit bestangezogene Persönlichkeit ausgezeichnete Paschtune wirklich die Szenen der Parteitage aus den 80er -Jahren vor Augen? Nicht zum Schockieren, nur zur Erinnerung: Bärtige Langhaarige sitzen da in schlabbrigen Wollklamotten und stricken Pullover, während ihre Parteifreundinnen in selbst gebatikten Walle–Kleidern (ärmellos) durch den Raum stapfen. Und alle tragen Turnschuhe oder Birkenstock-Sandalen.

Obwohl, aufgepasst, man ja mit der Wiederkehr des Verdrängten vorsichtig sein muss: Birkenstock-Sandalen sollen inzwischen wieder gefragt sein. In Metropolen wie New York oder Paris bilden sich angeblich lange Schlangen vor den Luxusläden, in denen die Fußbett-Fabrikate zu Spitzenpreisen über den Verkaufstisch gehen. Aber zurück nach Kabul: Vielleicht ist Karsai doch gar kein Nostalgiker, sondern nur ein gewiefter Politiker. Und als solcher weiß er eben, dass noch so selbstlose Helfer und Wohltäter des afghanischen Volkes auch gerne mal ein lobendes Wort hören.

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