Politik : Während des Kosovo-Konflikts war Jamie Shea verantwortlich für Informationen (Portrait)

Gisbert Kuhn

Ein Star? Jamie Shea versucht gar nicht erst, eine Bescheidenheit vorzugaukeln, die ihm ohnehin niemand abnehmen würde. 78 Tage lang, während des Bombardements gegen Jugoslawiens Präsidenten Milosevic, war der 46-jährige Brite mit dem Akzent des Londoner Eastends Stimme und Gesicht der Nato. Jeden Tag zweimal (morgens um 10 im "Hintergrund", nachmittags um 15 Uhr vor geöffneten Kameras, Mikrofonen und Notizblöcken) musste er quasi der ganzen Welt Rede und Antwort stehen, stand er in der Pflicht zu erläutern. Nicht selten aber hatte er auch die Aufgabe, Pannen, Pleiten und Fehlschüsse als den unvermeidlichen Preis für ein über allem stehendes Ziel zu verkaufen - den Serbendiktator doch zum Aufgeben zu zwingen und Tausenden Vertriebenen die Rückkehr in ihre zerstörte Heimat zu ermöglichen.

Auch heute noch läuft es Shea eiskalt den Rücken hinunter, wenn er an den Tag denkt, an dem eine amerikanische Präzisionsrakete in der chinesischen Botschaft von Belgrad einschlug. Dieser Schock, sagt Jamie Shea, werde ihn wohl sein ganzes Leben lang begleiten. Denn: "Jeder fragte sich doch sofort, sind damit auch alle Bemühungen und Hoffnungen auf Frieden explodiert?" In jenen Wochen ist der Brite durch eine harte Schule gegangen. Denn in der Medienwelt geht es nicht mehr in erster Linie um nüchterne Fakten, sondern um die vom Fernsehen vermittelten Bilder.

Vor allem, als sich der Krieg in die Länge zog. Tag für Tag, Woche für Woche berichtete Jamie Shea von immer neuen Greueltaten der Serben, führte er Zeugen ins Feld. Doch was die Reporterschar interessierte, waren die Fehlschüsse der Nato-Bomber. Nicht selten stellte sich später heraus, dass Milosevics Propaganda Nato-Bomben auf Militärobjekte zu Anschlägen auf die Zivilbevölkerung erklärt hatte. Aber da hatten sich die Bilder längst in den Köpfen festgesetzt. Shea: "Ich hatte nur Worte, die Serben lieferten die Bilder." Dass das Bündnis ("Hoffentlich wird das nie wieder vorkommen") daraus Lehren ziehen muss, ist dem "Chef-Verkäufer" der Nato klar. Aber wie?

Shea und seine Leute in der Pressestelle hatten sich von Anfang an vorgenommen, "die Wahrheit und nichts als die Wahrheit" an die Öffentlichkeit zu geben. Das löste einen erbitterten Kampf aus. Vor allem mit den Amerikanern, die serbische Propaganda am liebsten mit eigener bekämpft hätten. Dennoch glaubt Shea, in jenen spannungsgeladenen Wochen seinen Stil durchgehalten zu haben, auch wenn ihn viele - nicht zuletzt in Deutschland - "kaltschnäuzig und zynisch" nannten. Dies zumeist dann, wenn er seinem Zorn über die menschenverachtende Politik Milosevics immer wieder mal freien Lauf ließ. Man könne eben, sagt er heute, in solchen Situation nicht "extrem neutral" bleiben. Wird ihm, dessen Auftritte und Aussagen 78 Tage lang um die Welt gingen, die allgemeine Aufmerksamkeit fehlen? Selbst wenn es so wäre, würde er es nicht zugeben. "Aus den Augen, aus dem Sinn", beantwortet der promovierte Historiker solche Fragen lakonisch.

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