Politik : Während des Kosovo-Krieges kannten die Serben angeblich Einsatzpläne für Lufteinsätze

Albrecht Meier

Das Bild ging wenige Tage nach dem Beginn des Kosovo-Krieges um die Welt: Nach dem Abschuss eines US-Tarnkappenbombers vom Typ "F 117A" heben Serben triumphierend Teile vom Wrack der "Nighthawk" in die Kameras. Der "Wundervogel" war in der Nacht vom 27. auf den 28. März 1999 über serbischem Gebiet westlich von Belgrad abgeschossen worden, und damals wurde zum ersten Mal die Frage laut: Gibt es einen Spion in den Reihen der Nato?

Wenn man einem Bericht der britischen Tageszeitung "Guardian" und der BBC Glauben schenkt, dann sind die Serben in den ersten beiden Wochen des Krieges über die Tagesbefehle zu den Nato-Luftangriffen detailliert informiert gewesen. Nach Informationen des "Guardian" geht dies aus einer internen Studie des US-Verteidigungsministeriums hervor, die nach Angaben des Blattes bis zum vergangenen Juli fertiggestellt worden sein soll. Nato-Sprecher Jamie Shea widersprach dem Bericht des "Guardian" und der BBC, die ihren Bericht über das Nato-Leck während des Jugoslawien-Krieges am kommenden Sonntag ausstrahlen will. Auch die britische Regierung dementierte die Spionage-Behauptungen.

Tatsache ist allerdings, dass die Nato während des Krieges den Kreis der Personen, die die Einsatzbefehle der Allianz einsehen konnten, von 600 auf 100 reduzierte. Nato-Sprecher Shea begründete diesen Schritt mit dem Übergang von Friedenszeiten zum Krieg. Nach dem Bericht des "Guardian" sei der Kreis der Zugriffsberechtigten sofort drastisch eingeschränkt worden, nachdem US-Offiziere schockiert erfahren hatten, wie viele Personen Zugang zu den Zieldaten hatten. Immerhin wird in der Nato eingeräumt, dass die Planungen zu den Luftangriffen im Brüsseler Hauptquartier der Allianz während des Krieges routinemäßig alle zwei Wochen geändert wurden.

Ob es nun einen Spion bei der Nato gab oder nicht - amerikanische Kritik am europäischen Part während des Kosovo-Krieges passt in jedem Fall ins Bild der derzeit nicht ganz einfachen transatlantischen Beziehungen. Schon auf der Münchener Wehrkundetagung hatte US-Verteidigungsminister William Cohen den Europäern im vergangenen Monat die Leviten gelesen: Der Informationsaustausch unter den Alliierten während des Kosovo-Krieges sei mangelhaft gewesen, das Betanken der US-Kampfjets in der Luft habe nicht funktioniert, und nun werde der Aufbau ziviler Strukturen im Kosovo von den Europäern finanziell überhaupt nicht ausreichend unterstützt.

Derzeit ist der US-Kongress dabei, der viel zitierten "europäischen Verteidigungsidentität" auf den Zahn zu fühlen - und stellt auch kritische Fragen im Zusammenhang mit dem KFOR-Einsatz im Kosovo. Die US-Kritik richtet sich insbesondere auf die multinationale Brigade im Norden des Kosovo, die von Frankreich geführt wird. Hier liegt der gegenwärtige Brennpunkt im Kosovo, die Stadt Mitrovica. Die Unruhen in Mitrovica sind inzwischen wieder abgeflaut - auch dank des Einsatzes von US-Soldaten.

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