Politik : Währungskrise in der Türkei: Im freien Fall

Thomas Seibert

Wenn die Lage wirklich dramatisch wird, das weiß Cavit Tulca aus langer Erfahrung, dann nehmen in den türkischen Familien die Frauen das Heft in die Hand. Am Donnerstagmorgen war es wieder einmal so weit. "Ich war gerade in der Bank, und da waren nur Frauen", sagte der 87-jährige Istanbuler Rentner. "Das ist immer so, wenn es ein Problem gibt." Und ein Problem gab es tatsächlich. In der Nacht zum Donnerstag verabschiedete sich die türkische Regierung unter dem Druck der schwersten Finanzkrise seit Jahren von einem Herzstück ihrer Anti-Inflationspolitik: Die Kopplung der Lira an Dollar und Euro wurde aufgegeben und der Kurs der türkischen Währung dem freien Spiel der Märkte überlassen, was auf eine Abwertung hinauslief. Binnen Stunden verlor die Lira rund 30 Prozent ihres Wertes; selbst der Euro wurde an den Märkten in Europa mit in den Abwärtsstrudel gerissen. Auch wenn sich der Lira-Kurs später wieder etwas fing und der Wertverlust auf zehn Prozent zurückging, ist allen in der Türkei klar, dass die Krise noch längst nicht ausgestanden ist. Denn Ankara hat bisher nichts unternommen, um die politischen Grundprobleme hinter dem Debakel anzugehen.

Anders als deutsche Türkei-Touristen, die wegen der schwachen Lira in diesem Jahr auf einen billigeren Urlaub hoffen können, stehen Wirtschaft und Verbraucher in der Türkei vor schweren Zeiten. So manches Unternehmen dürfte nach Einschätzung von Marktbeobachtern durch den Wertverlust der Lira Schwierigkeiten bekommen, seine Hartwährungs-Kredite zurückzuzahlen. Auch viele Normalbürger haben für größere Anschaffungen Dollar-Kredite aufgenommen, deren Rückzahlung jetzt plötzlich sehr teuer wird. Manche Devisen-Läden, in denen die Türken bisher Lira in Dollar tauschten, um ihr Geld vor der Inflation in Sicherheit zu bringen, weigerten sich am Donnerstag sogar, Dollar herauszugeben.

Dass die Regierung von Ministerpräsident Bülent Ecevit diese Problem-Lawine in Kauf nahm, lässt das Ausmaß der Verzweiflung in Ankara erahnen. Zwölf Stunden lang hatten Ecevit und seine Berater nach Auswegen aus der Finanzkrise gesucht. Anschließend erklärte die Regierung, sie gebe den Lira-Kurs frei, bleibe aber bei den Zielen ihres Anti-Inflations- und Stabilitätsprogramms, werde die Privatisierungen vorantreiben und im als besonders korrupt geltenden Bankensektor aufräumen. Diese Ankündigungen blieben nicht ohne Wirkung: Immerhin erholte sich die Istanbuler Börse etwas.

Die Bemühungen um Schadensbegrenzung reichen aber längst nicht aus, um das verlorene Vertrauen der Investoren wiederherzustellen. Nur zwei Monate nach der schweren Bankenkrise Ende letzten Jahres leistete sich die Türkei in den vergangenen Tagen ein neues hausgemachtes Desaster, und es sieht nicht so aus, als ob die politischen Ursachen dafür rasch bereinigt werden können. Die Talfahrt an den Finanzmärkten hatte begonnen, als Ecevit am Montag eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats in Ankara abbrach, weil ihm Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer mangelnden Einsatz bei der Korruptionsbekämpfung vorgeworfen hatte. Die Regierung legte dem Präsidenten den Rücktritt nahe, was dieser aber ablehnt. Ecevit macht seit dem Krach im Sicherheitsrat aus seiner Abeneigung gegen Sezer keinen Hehl mehr.

Bei aller Kritik am Präsidenten ist Ecevits Regierung aber bisher die Antwort auf den Vorwurf Sezers schuldig geblieben, die Koalition schrecke vor der nötigen Gewissenhaftigkeit bei der Untersuchung von Korruptionsfällen im Regierungsapparat zurück. Besonders bei den staatlichen Banken und im Energiesektor soll es Korruption bis in die höchsten Ebenen der Regierung geben; Ecevits einflussreichster Berater Hüsamettin Özkan sowie Energieminister Cumhur Ersümer sollen persönlich in dunkle Geschäfte verwickelt sein. Eine "Zivile Initiative" aus Gewerkschaften und Unternehmerverbänden forderte deshalb am Donnerstag, in der Regierung müssten endlich Köpfe rollen.

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