Politik : Waffen für den Feind

USA wollen die sunnitischen Rebellen im Irak aufrüsten – gegen die Kämpfer von Al Qaida

Andrea Nüsse[Kairo]

In Irak scheint sich eine neue Strategie der USA im Umgang mit den sunnitischen Aufständischen zu bestätigen. Militante sunnitische Gruppen, die verstärkt gegen Al Qaida nahestehende radikale islamistische Gruppen kämpfen, werden von der irakischen Armee mit Zustimmung der Amerikaner mit Waffen, Munition und Benzin versorgt. Darunter sollen auch Gruppen sein, die verdächtigt werden, Anschläge auf amerikanische Soldaten verübt zu haben. Dies berichtete die „New York Times“ am Sonntag auf ihrer Website unter Berufung auf Kommandeure der US-Armee.

Im vergangenen Jahr haben einige Stämme und militante sunnitische Gruppen in der Provinz Anbar westlich von Bagdad eine Allianz zum Kampf gegen Al Qaida gebildet. Am 6. Juni sollen sich auch 130 Stammesführer in der nordirakischen Provinz Salaheddin bereit erklärt haben, die Behörden und die irakische Armee in ihrem Kampf gegen Al-Qaida- Gruppen unterstützen. Dies gab die US- Armee in einem Kommuniqué bekannt. Diese Strategie könnte dazu beitragen, Al-Qaida-Gruppen zu schwächen, welche die irakischen Religionsgemeinschaften weiter gegeneinander aufbringen und einen islamischen Staat gründen wollen. Doch Beobachter fürchten auch eine weitere Zersplitterung der sunnitischen Aufständischen, die es erschweren könnte, sie zu kontrollieren oder einzubinden.

Der frühere US-Botschafter in Irak, Zalmay Khalilizad, hatte bei seinem Abschied aus dem Irak im April 2007 bestätigt, dass die USA Gespräche mit sunnitischen Aufständischen führen, um zu versuchen, einen Keil zwischen sie und Al Qaida zu treiben. Teile der sunnitischen Aufständischen, worunter sich auch säkulare Nationalisten, Stammesführer und Mitglieder des gestürzten Baath-Regimes befinden, haben schon früh Taktiken der Al-Qaida-Gruppen wie die Enthauptungen westlicher Geiseln oder Massaker an schiitischen Zivilisten abgelehnt. Dennoch schien das Ziel, die ausländischen Truppen aus dem Irak zu vertreiben, diese Differenzen lange zu überdecken. Doch die zunehmende Terrorisierung der sunnitischen Zivilbevölkerung in der Anbar-Provinz durch Al Qaida und das gezielte Vorgehen gegen sunnitische Kämpfer scheinen zu einem Umdenken geführt zu haben. Bereits im Sommer 2006 gründeten Stammesführer in der Anbar-Provinz eine etwa 20 000 Mann starke Polizeitruppe als Reaktion auf Al Qaidas Exzesse gegen die Zivilbevölkerung.

Anfang des Jahres begann Al Qaida gezielt, Führer der Aufständischen zu töten. Gleichzeitig soll seit Ende 2006 die Zahl der Anschläge gegen US-Truppen in der Provinz zurückgegangen sein. Der US-Oberkommandierende im Irak, General Petraeus, erklärte im April 2007, die Initiative habe die Anbar-Provinz, die als „verloren“ galt, innerhalb von sechs Monaten „transformiert". Dennoch bleiben die sunnitischen Gruppen weiterhin extrem zersplittert. Einige arbeiten noch immer mit Al-Qaida-Kämpfern zusammen. Analysten befürchten, dass die Bewaffnung ausgewählter Aufständischer durch die irakische Armee die Gewalt weiter anheizen wird. Zudem es keine Garantie gibt, dass die sunnitischen Kämpfer die Waffen nicht eines Tages gegen Schiiten oder die US-Armee einsetzen werden.

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