Politik : Waffen gebunkert

Die Hisbollah ist durch Israels Offensive getroffen, aber nicht geschlagen worden

Alfred Hackensberger[Tanger]

Die Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrates, die den Waffenstillstand im Libanon regelt, wird in der arabisch-islamischen Welt als Niederlage Israels gewertet. Bei Kriegsbeginn am 13. Juli hatte der israelische Premierminister Ehud Olmert die „völlige Zerschlagung der Terrorgruppe Hisbollah“ und die „Einrichtung einer israelischen Pufferzone im libanesischen Grenzgebiet“ als Grundvoraussetzung für Verhandlungen angekündigt. „Etwa eine Woche“ veranschlagte die israelische Führung für diese Militäroperation. Nach einem Monat Krieg kann davon keine Rede mehr sein. Israel akzeptiert die bisher abgelehnte Stationierung von libanesischen und UN-Soldaten entlang der Grenze. Angeblich will man sogar über einen Gefangenenaustausch der beiden israelischen Soldaten verhandeln, die die Hisbollah am 12. Juli entführte und damit den Angriff Israels provozierte. Das jedenfalls meldeten am Sonntag die israelische Tageszeitung „Hareetz“ sowie ein israelischer Radiosender.

Die Strategie der Hisbollah unter der Führung ihres Generalsekretärs Hassan Nasrallah scheint aufgegangen zu sein. Hisbollah ist für eine Fortführung des Krieges gerüstet. 30 000 israelische Soldaten sollen in den nächsten Tagen ihrer Bodenoffensive verhindern, dass „Hisbollah nicht als großer Sieger hervorgeht, sondern sich mit eingezogenem Schwanz zurückzieht“, wie Shimon Peres, der israelische Vize-Premier, am Sonntag im Armeeradio verkündete. Angesichts des bisherigen Kriegsverlaufs ist das jedoch unrealistisch. Über 70 israelische Soldaten wurden bisher getötet, davon alleine 24 am Samstag. Je weiter die Infanterie in den Libanon vorstößt, umso größer werden ihre Verluste. Im Gegensatz zur israelischen Armee, hat die Hisbollah noch keine Reservisten eingesetzt.

Schutz vor dem israelischen Dauerbeschuss im Südlibanon bietet ein ausgeklügeltes Bunker- und Tunnelnetz, das Hisbollah nach dem Abzug Israels 2000 eingerichtet hat. Dort werden Lebensmittel gelagert, es gibt einen ärztlichen Notdienst, Reservesoldaten warten dort auf ihren Einsatz. Von diesen Geheimbunkern aus gerieten israelische Kommandos in den letzten Wochen mehrfach in einen blutigen Hinterhalt. In den Bunkern befinden sich auch die Waffenarsenale, die laut einem libanesischen Geheimdienstoffizier „so tief unter der Erde liegen, dass sie vor Bombardierung vollkommen geschützt sind.“ Nachschub aus Syrien ist angeblich gar nicht nötig. „In unzähligen Bunkern im Bekaa-Tal liegen die Raketen-Reserven“, meint der Geheimdienstler.

Am Samstag wurde ein israelischer Helikopter mit einer bisher unbekannten Rakete namens „Waad“ abgeschossen. Nach der chinesischen Rakete vom Typ „C-802 Seidenraupe“, die am 19. Juli ein israelisches Schiff traf, eine weitere Überraschung für das israelische Militär. Sollte es noch mehr von diesen „Waad-Raketen“ geben, ist die Luftunterstützung von Bodenoffensiven durch Hubschrauber eingeschränkt. Ein weiteres Risiko sind die von Nasrallah angekündigten „Langstreckenraketen“, die auf Tel Aviv abgeschossen würden, falls Israel das Zentrum Beiruts bombardiere. Irgendwo in den libanesischen Bergen vermutet man die Abschussrampen der vielleicht 30 bis 100 „Zelal-2“-Raketen iranischer Bauart. Sie haben eine Reichweite von 200 Kilometern. Diese Option benutzte die Hisbollah bisher als strategisches Druckmittel. Zum Einsatz kamen hauptsächlich nur alte Katjuscha-Raketen aus Ex-Sowjetbeständen mit einer Reichweite von 20 Kilometer. Daneben „Fajr-3“-Raketen aus iranischer Produktion, die 75 Kilometer weit fliegen. Raketen-Varianten, gegen die die israelische Luftabwehr machtlos ist.

Die Hisbollah hat im Laufe der vierwöchigen Auseinandersetzungen etwa 20 Prozent ihrer Waffen eingesetzt. Etwa fünf bis zehn Prozent dürften von den Israelis vernichtet worden sein. Der Rest schlummert noch in Bunkern.

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