Waffengesetz in den USA : Dem Massaker folgt nur ein Reförmchen

Die Republikaner können sich brüsten, mit dem Verbot von "Bump Stocks" Konsequenzen aus dem Massenmord von Las Vegas zu ziehen. Am eigentlichen Problem ändert dies nichts.

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Die Vorrichtung, die Stephen Paddock verwendete, ermöglicht eine schnellere Abfolge von Schüssen.
Die Vorrichtung, die Stephen Paddock verwendete, ermöglicht eine schnellere Abfolge von Schüssen.Foto: imago/Zuma Press

Ein Massaker ist nicht gerade gut fürs Geschäft, sollte man meinen. Doch nach dem Massenmord durch Stephen Paddock in Las Vegas liegt die Sache etwas anders. Ein Utensil, das den 64-jährigen Paddock in den Stand versetzte, innerhalb weniger Minuten 58 Menschen zu töten, ist zum Verkaufsschlager geworden.

Die so genannten "Bump Stocks", Spezialkolben für halbautomatische Gewehre, gehen in den USA weg wie warme Semmeln. Einem Hersteller der Kolben brach die Internetseite unter dem Ansturm der Anfragen zusammen. Ein Grund für das rege Interesse ist ein sich andeutendes Verbot der "Bump Stocks" – ein Reförmchen, das die eigentlichen Mordwerkzeuge unbehelligt lässt.

Paddock hatte zwölf seiner mehr als 20 Schusswaffen, die er in seiner Suite im Mandalay Bay Hotel angesammelt hatte, mit "Bump Stocks" umgerüstet. Das Teil ersetzt den normalen Kolben eines Sturmgewehres und nutzt den Rückstoß der Waffe aus, um eine schnellere Abfolge von Schüssen zu erreichen, als sonst möglich wäre. So kann der Schütze mehrere hundert Schuss pro Minute abgeben – was Paddock in den elf mörderischen Minuten seines Anschlags am Sonntagabend tat.

Mit den Vorrichtungen wird ein Verbot umgangen

Mit den Vorrichtungen können US-Schützen das seit 1986 in den USA geltende Verbot vollautomatischer Waffen umgehen: Statt des begrenzten Feuerstoßes aus einer Kalaschnikow oder eines amerikanischen Sturmgewehres AR-15 kann der Schütze wie mit einem Maschinengewehr einen lang anhaltenden Kugelhagel auf seine Ziele regnen lassen.

Selbst im Waffenland Amerika waren "Bump Stocks" bisher kein besonderer Renner, doch das hat sich seit Sonntag geändert. Der Hersteller Bump Fire Systems aus Texas meldete sich bei seinen Kunden per Facebook, weil er wegen des Zusammenbruchs seiner Website nicht mehr erreichbar war: "Bitte haben Sie Geduld." Eine andere Firma lehnte alle neuen Anfragen ab, weil sie zunächst die bisherigen Aufträge abarbeiten wolle.

Auch bei den rund 130.000 Waffenläden der USA gehen die Vorräte an den Spezialkolben zur Neige. Kellie Weeks, die Inhaberin eines Waffengeschäfts in Georgia, sagte Medienberichten zufolge, ihre Lieferanten hätten keine "bump stocks" mehr. Die Supermarktkette Walmart strich die Kolben nach dem Massaker vom Sonntag aus dem Sortiment.

Begrenzte Kursänderung der Republikaner

Ein Verbot der "Bump Stocks" zeichnet sich als Minimalkonsens der Politiker in Washington ab. In den Tagen seit dem Massaker hatten die Mehrheitsfraktionen der Republikaner im Kongress alle Forderungen der oppositionellen Demokraten nach schärferen Waffengesetzen abgeschmettert. Das beste Mittel gegen einen Unhold mit Waffe sei ein guter Mensch mit Waffe, lautet das Mantra der Waffenlobby National Rifle Association (NRA), die viele republikanische Politiker mit Millionensummen unterstützt.

Doch der wachsende öffentliche Druck angesichts der schlimmen Bilder aus Las Vegas veranlasste die NRA und die Republikaner jetzt zu einer begrenzten Kursänderung. Die NRA rief zu einer Überprüfung der Vorschriften zu "Bump Stocks" auf – und gab den Republikanern im Parlament damit grünes Licht für eine Neuregelung. Im Repräsentantenhaus und im Senat sprachen sich führende republikanische Politiker für ein Verbot der Dauerfeuer-Kolben aus. Da die Demokraten ohnehin dafür sind, könnten die "Bump Stocks" schon bald mit einer überparteilichen Entscheidung aus den Geschäften und Online-Shops verbannt werden.

Für die Demokraten wäre dies nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen um eine Begrenzung der Waffenfreiheit ein kleiner Schritt voran. Für die Republikaner und ihre waffenverliebten Anhänger hätte die Reform den Vorteil, dass sie dem Ruf der Öffentlichkeit nach Konsequenzen aus dem Blutbad von Las Vegas folgen können, den Verkauf von Gewehren, Pistolen und Munition aber trotzdem nicht einschränken müssen. Auch die Regierung des NRA-Fans Donald Trump begrüßte die Diskussion über die "Bump Stocks".

Die Waffenlobby lobt die Pläne

Die NRA habe gehandelt, um ernsthaftere Schritte in Sachen Waffen zu verhindern, kommentierte David Axelrod, ein ehemaliger Berater von Trumps Vorgänger Barack Obama, der jahrelang für strengere Vorschriften gestritten hatte. Judd Legum, Chefredakteur der liberalen Nachrichten-Website Think Progress, merkte auf Twitter an, nicht die "Bump Stocks" seien das eigentliche Thema nach Las Vegas. Der freie Verkauf von militärischen Sturmgewehren, deren Zweck darin bestehe, möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit zu töten, müsse hinterfragt werden.

Aber genau das wollen die NRA und die Republikaner nicht. Das Problem seien nicht die Waffen, sondern Täter wie Paddock, lautet ihr Argument. Waffen seien nach wie vor Teil des amerikanischen Gründungsmythos, schrieb die Historikerin Cari Babitzke in der "Washington Post". Wegen dieser direkten Verbindung zu einem weit verbreiteten Verständnis der nationalen Identität der USA dürften Waffen Babitzke zufolge auch weiterhin ein "Kernbestandteil des amerikanischen Lebens" bleiben.

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