Waffenhandel : Ein Pakt für den Frieden mit Lücken

Nach jahrelangen Verhandlung tritt an Heiligabend endlich der Vertrag über den weltweiten Waffenhandel in Kraft. Doch einige der größten Rüstungsexporteure wie Russland und China wollen von dem Abkommen nichts wissen. Unser Korrespondent aus Genf berichtet.

von
Terrormilizen wie die Al-Nusra-Front sollen künftig schwerer an Waffen kommen
Terrormilizen wie die Al-Nusra-Front sollen künftig schwerer an Waffen kommenFoto: AFP

Mit Euphorie begrüßt der Uno-Generalsekretär den neuen Pakt. Der Vertrag über den Waffenhandel markiere einen „Sieg für die Völker der Welt“, sagt Ban Ki Moon. Auch Amnesty International gibt sich zuversichtlich: Der Vertrag stelle einen Meilenstein für die „Menschenrechte“ dar. An Heiligabend (24.12.) tritt das Abkommen in Kraft.
Der Vertrag, auf Englisch „Arms Trade Treaty“ (ATT), soll laut seinem Artikel 1 zu Frieden und Sicherheit beitragen, menschliches Leid verringern, Transparenz im Waffenhandel fördern und den Schwarzmarkt austrocknen.Erstmals schreibt der ATT verbindliche Standards für den bislang unkontrollierten Export konventioneller Waffen fest. Es ist ein Business, das sich nach Schätzungen des Stockholmer Sipri-Instituts im Jahr 2011 auf mindestens 43 Milliarden US-Dollar belief - von der Pistole über den Panzer und den Kampfjet bis hin zum Kriegsschiff.

Diktaturen ausgeschlossen

Der Vertrag verbietet Waffen-Ausfuhren, wenn der Lieferstaat zum Zeitpunkt der Genehmigung weiß, dass damit Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verübt werden können.
Zudem müssen Lieferstaaten vor dem Waffen-Export prüfen: Bestehen große Risiken für schwere Verletzungen der Menschenrechte oder des humanitären Völkerrechts? Falls Ja ist die Ausfuhr zu unterlassen.
Unterbleiben sollen auch Geschäfte mit Terroristen und Kriminellen. Der Pakt könnte also Gewaltherrscher wie Syriens Diktator Baschar al Assad, Extremistengruppen wie den „Islamischen Staat“ oder afrikanische Warlords vom Waffen-Nachschub abschneiden. Zumindest theoretisch.

Bislang unterzeichneten 130 Staaten den ATT. Ratifiziert haben 60 Länder den Pakt, darunter Deutschland, Luxemburg und Österreich. Ob der ATT tatsächlich zu mehr Frieden in einer unruhigen Welt beiträgt, bleibt aber ungewiss. Denn große Waffenexporteure haben sich den Regeln nicht unterworfen. Allen voran die USA. Die Amerikaner sind laut Sipri für knapp 30 Prozent der Ausfuhren von Kriegsgeräten auf dem
globalen Markt verantwortlich. Zwar unterzeichnete die Administration des Präsidenten Barack Obama den ATT. Letztlich muss der US-Kongress das Dokument aber ratifizieren, damit die USA Vertragsstaat werden. Bei vielen amerikanischen Volksvertretern lösen internationale Abkommen, die nicht eindeutig die US-Handschrift tragen, offene Feindseligkeit aus. Und der „Arms Trade Treaty“ trägt nicht die US-Handschrift.

Russen und Chinesen enthielten sich

Auch zwei andere führende Waffenexporteure, Russland und China, wollen sich ihre Geschäfte mit der todbringenden Ware nicht beschneiden lassen. Russen und Chinesen bestreiten laut Sipri-Institut rund ein
Drittel aller Rüstungs-Exporte. Beide Regierungen enthielten sich bei dem Votum über den Vertrag 2013 in der UN-Vollversammlung der Stimme – eine höfliche Form der Ablehnung. Konsequenterweise haben Moskau und Peking den Pakt auch nicht unterzeichnet. Somit können russische Rüstungsschmieden weiter Syriens Assad-Regime und auch die Separatisten in der Ukraine mit Waffen versorgen. "Russland, China und die USA sollten mit an Bord sein", kritisiert der Abrüstungsexperte des Weltkirchenrates, Jonathan Frerichs. „Ohne diese Toplieferanten kann der Pakt natürlich nicht voll wirken.“

Nur ein Anfang

Zudem fehlt im Vertrag ein harter Kontroll- und Sanktionsmechanismus. Die Staaten entscheiden weiterhin selbst, ob sie Gewehre, Haubitzen oder Militärflugzeuge liefern - oder nicht. Sie müssen jährlich Listen
über Importe und Exporte verfassen und an das neue ATT-Sekretariat nach Genf schicken. Das Sekretariat soll dann die Aufstellungen prüfen. Und es soll den anderen Vertragsstaaten die Listen zugänglich machen. Falls Vertragsstaaten an mögliche Kriegsverbrecher oder Völkermörder Waffen verkaufen, drohen ihnen aber keine Strafen. Allenfalls können andere Staaten, die Zivilgesellschaft und die Medien die Missetäter an den Pranger stellen. „Man wird erst in einigen Jahren sagen können, ob der ATT tatsächlich das Leiden der Menschen verringert“, fasst Abrüstungsexperte Frerichs zusammen. „Die Mehrheit der Staaten haben
aber einen Anfang gemacht.“

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

24 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben